Archäologen graben an Blätterhöhle nach Sensationen

Ein Team aus Archäologie-Studenten arbeitet an der Blätterhöhle in Hagen.
Ein Team aus Archäologie-Studenten arbeitet an der Blätterhöhle in Hagen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
An der Blätterhöhle in Hagen graben die Archäologen um Dr. Jörg Orschiedt wieder. Derzeit arbeitet das Team auf dem Vorplatz. Im September führt eine neue Kampagne noch einmal ins Innere der Höhle.

Holthausen.. Es gibt viele Informationen, die eine Grabungskampagne an der Blätterhöhle und die Auswertung am Institut für Anthropologie in Mainz der Wissenschaft bringen. Wichtige und unwichtige. Fangen wir mit letzterer an: Die Ur-Hagener, die vor mehr als 10.000 Jahren im Lennetal und an den Hängen lebten, konnten Alkohol abbauen. Sie verfügten über ein Enzym, das beispielsweise den Aborigines fehlt. Eines, das sich bis heute von Generation zu Generation übertragen hat.

Bedeutender ist das, was Ende 2013 auch das angesehene Wissenschaftsmagazin Science thematisiert hat: In Hagen haben Jäger und Sammler sowie Sesshafte zur selben Zeit am selben Ort gelebt. Und sie haben ihre Toten in derselben Begräbnisstätte, in der Blätterhöhle, beigesetzt. Mit dieser Erkenntnis – und das ist keine Übertreibung – muss ein sehr frühes Stück Menschheits-Geschichte neu geschrieben werden.

Spannende Zeitreise

Es ist eine der spannendsten Zeitreisen Europas, die gerade an der Blätterhöhle fortgesetzt wird. Dr. Jörg Orschiedt und Studenten aus Berlin graben mit Unterstützung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) wieder. Besser: Sie tragen Schicht um Schicht mit kleinen Meißeln ab. Jeder Zehntelmillimeter, den die jungen Archäologen wegkratzen, entspricht vielleicht einem Jahr. Ein Sisyphusarbeit.

Eine Mühe, die sich aber lohnt. Wegen der Erkenntnisse, die in Hagen schon gewonnen wurden und die noch in den Schichten schlummern. „Wir sind gerade dabei, die Fläche auf dem Vorplatz der Höhle zu erweitern, um dann noch tiefer vorzudringen“, erklärt Orschiedt, „eigentlich waren wir davon ausgegangen, in dieser Tiefe in der späten Eiszeit anzukommen. So weit ist es allerdings noch nicht.“

Bohrungen neben Höhle

Bohrungen sollen demnächst auf einem kleinen Plateau neben dem Vorplatz stattfinden. „Bei einer Probe sind wir gut zwei Meter tief vorgedrungen“, sagt Orschiedt. „Jetzt wollen wir noch tiefer. Wir sammeln so Informationen über den Aufbau des Hangs vor der Höhle. Ziel ist es, Ablagerung des Lacher Sees zu finden. Das wäre für uns ein Zeitmarker.“

In der Eifel, wo heute das Kloster Maria Lach Touristen lockt, explodierte mit einem gigantischen Rumms vor 12.000 Jahren ein Vulkan. Spuren finden sich sogar in Skandinavien. Nur in Westfalen wurden sie bislang nicht nachgewiesen.

Kampagne in der Höhle

Aber nicht nur auf dem Vorplatz soll es vorangehen. Eine weitere Kampagne im September befasst sich mit dem Inneren der Blätterhöhle. „Wir suchen nach menschlichen Resten“, sagt Orschiedt, „und wir glauben, relativ sicher zu wissen, wo in der Höhle wir die finden. Wir wollen frische Proben.“

Related content Knochen, die dann einer DNA- und Isotopenanalyse unterzogen werden. „Bislang haben wir bei den Jägern und Sammlern einen ungewöhnlich hohen Proteinanteil gefunden“, so Orschiedt, „das deutet darauf hin, dass sie sich vor allen Dingen von Fischen ernährt haben.“ Ein Umstand, den auch die Überreste eines ausgewachsenen Bären nahelegen. Auch er hat vor allem Fisch verspeist.

Funde von herausragender Qualität

Dass diese Jäger und Sammler überhaupt bis vor 5000 Jahren hier gelebt haben, ist noch so eine Sensation, die die Forschungen ergeben haben. „Damit liegen wir 2000 Jahre hinter der Zeitgrenze, die bislang angenommen wurden“, so Orschiedt.

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Potenzial für zehn Jahre

Die Reise in die Vergangenheit soll an der Blätterhöhle Zukunft haben. „Hier gibt es Potenzial für zehn Jahre und mehr“, so Orschiedt. „Grabungen in diesem Ausmaß hat es in den letzten Jahrzehnten in der Region nicht mehr gegeben.“

Für den Wissenschaftler kommt es auch darauf an, wie es künftig gelingt, die Bevölkerung mehr einzubeziehen. „Wir merken immer wieder, dass das Interesse groß ist“, so Orschiedt, „und wir sind ja durchaus in der Lage, den Menschen hier vor Ort etwas zu zeigen.“