Arbeitsgruppe des Aufsichtsrates blickt tiefer

Hagen..  Angesichts der prekären wirtschaftlichen Situation der Enervie-Gruppe geht der Aufsichtsrat des Unternehmens im Jahr 2015 neue, bislang unbekannte Wege: Aus seinem Kreis wurde jetzt eine Arbeitsgruppe „Finanzen und Strategie“ gebildet, die – bei Bedarf auch unterstützt durch externen Sachverstand – sich zum Ziel gesetzt hat, den Vorstand mit inhaltlichem Input und politischen Signalen und Ideen für den strategischen Kurs der nächsten Jahre zusätzlich zu inspirieren.

Diesem in der Unternehmensgeschichte bislang einmaligen Vorgang, nämlich die Installation einer Berater-Task-Force aus dem Kreis des Aufsichtsrates, war in der jüngsten Sitzung am 15. Dezember eine durchaus kontroverse Debatte über die vom Enervie-Vorstand um Sprecher Ivo Grünhagen präsentierte mittelfristige Finanzplanung vorausgegangen. Darin versuchte die Enervie-Spitze auf Grundlage des so genannten Bereinigungsjahres 2014 – es wird aufgrund der unverschuldeten Effekte durch die Energiewende und weiterer Sonderabschreibungen ein Konzernbilanz-Minus in Höhe von 132 Millionen Euro erwartet – die wirtschaftlichen Perspektiven bis in das Jahr 2019 aufzuzeigen. Doch weiten Teilen des Aufsichtsrates fehlt inzwischen der Glaube und auch das inhaltliche Verständnis, dass die dort skizzierten Prognosen und Effekte sich in der Realität auch konkret so einstellen könnten.

Euphorische Hochrechnungen auf diversen Geschäftsfeldern wurden von den Mitgliedern eher mit Zweifeln quittiert. Das dem Vorstand zuletzt mit stoischer Gutgläubigkeit entgegen gebrachte Vertrauen, so berichten mehrere Aufsichtsratsmitglieder, bröckele zunehmend. Zumal die regelmäßigen Ausgaben für extern bestellte Gutachter – etwa vier Millionen Euro in den vergangenen fünf Jahren – ebenfalls nicht verhindern konnten, dass die Enervie-Gruppe aktuell durch die schwierigste ökonomische Krise aller Zeiten taumelt.

Neue Kunden gewinnen

So wird in der vorgelegten Planung bis 2019 vorgerechnet, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre 75 000 Strom-, 25 000 Gas- sowie 9000 Geschäftskunden außerhalb des südwestfälischen Kerngebietes neu hinzugewonnen werden könnten. Ähnlich positiv wird die Entwicklung im Geschäftsfeld der Innovationen – insbesondere das Licht-Contracting – hochgerechnet: Hier sollen sich die aktuellen Verluste in Höhe von 2,2 Millionen Euro innerhalb von fünf Jahren in 8,8 Millionen Euro Jahresgewinn verwandeln. Prognosen, die vom Beteiligungscontrolling der Hagener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (HVG) angesichts des scharfen Wettbewerbs in diesen Marktsegmenten als „sehr ambitioniert“ angesehen werden.

Am Ende der Diskussion mochten lediglich zehn der 19 Aufsichtsratsmitglieder die Finanzplanung des Enervie-Vorstandes mittragen. Fünf Mitglieder enthielten sich, vier lehnten sie sogar ab – zu den Skeptikern zählten u.a. der Lüdenscheider Bürgermeister Dieter Dzewas (stellv. Aufsichtsratsvorsitzender), HVG-Geschäftsführer Christoph Köther oder auch Remondis-Geschäftsführer Markus F. Schmidt. Unter dem Strich ein fatales Signal an die Banken, die angesichts der angegriffenen, zuletzt bloß noch einstelligen Enervie-Eigenkapitalquote (Lokalseite 1) bereits das Bedürfnis anmeldeten, „vertiefende Gespräche“ zu führen, so bestätigte zuletzt Enervie-Vorstand Grünhagen. Dabei sei es jedoch gelungen, die Kapitalgeber davon zu überzeugen, dass man „sämtliche Verpflichtungen weiter bedienen“ könne, weil die „Bereinigungseffekte nicht liquiditätswirksam“ seien. Durchaus bemerkenswert, so registriert der Aufsichtsrat solche Aussagen aktuell mit besonders hoher Sensibilität, wenn ein Unternehmensführer dies ausdrücklich und öffentlichkeitswirksam betont.

Input aus der Politik

Grünhagen kommt vor diesem Hintergrund das neue, strukturiertere Einbringen des Gremiums durchaus gelegen. Der Enervie-Vorstand hatte schon wiederholt seine Erwartungshaltung formuliert, dass regelmäßige Steuerungssignale aus der Politik gesendet werden sollten. Ein agierender Aufsichtsrat, der statt fatalistischer Kenntnisnahmen engagiert und mit strategischen Visionen das Gesicht der Enervie mitpräge, verleihe der Unternehmensführung eine höhere Sensibilität für künftige Ziele und die Erwartungshaltungen der unterschiedlichen Anteilseigner: „Einen Aufsichtsrat, der sich bereit erklärt, komplexe Themen vertiefend anzupacken, unterstütze ich voll. Ich betrachte dies auch nicht als Misstrauen, sondern als Ausdruck der Sorgfaltspflicht“, hält der Manager es für einen natürlichen Prozess, wenn Vorstand und Aufsichtsrat „angesichts der schwierigsten Situation der Unternehmensgeschichte“ eng zusammenrücken und sich ausreichend Zeit nehmen, um offene Fragen zu klären. „So ist Transparenz hochgradig gewährleistet“, ergänzt Oberbürgermeister Erik O. Schulz, zugleich Enervie-Aufsichtsratsvorsitzender.

Zurück zu den Wurzeln

Zuletzt hatte das Gremium dem Vorstand nach dem Lekker-Abenteuer, das letztlich verlust- und effektfrei in eine strategische Sackgasse mündete, nahegelegt, sich wieder fokussierter hin zu einem „Märkischen Stadtwerk“ zu orientieren, wie es beispielsweise der stellvertretende Enervie-Aufsichtsratsvorsitzende und Lüdenscheider Bürgermeister Dieter Dzewas formuliert. „Das betrachte ich als den richtigen Weg“, erinnert der Vertreter des nach Hagen (42,7 %) zweitgrößten Anteilseigners (24,1 %) im Gespräch mit dieser Zeitung daran, dass Enervie im Bereich der kommunalen Daseinsvorsorge sowohl seine Wurzeln als auch seine Zukunft habe. „Vielfältige Aufgaben und komplizierte Prozesse überfordern viele kleinere Stadtwerke“, sieht Dzewas mit Blick auf den zersplitterten Versorgungsflickenteppich in Südwestfalen hier ein weites Geschäftsfeld für Enervie, das man aufgrund der regionalen Nähe keinesfalls anderen Anbietern überlassen dürfe. Auf diesem Kurs könne die neue Arbeitsgruppe des Aufsichtsrates, der Bürgermeister Dzewas keinerlei zeitliche Vorgaben mit auf den Weg geben möchte, gemeinsam mit dem Neu-Aktionär Remondis für den notwendigen strategischen Gleichklang sorgen: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos – und weiterhin zukunftsfähig.“