Antje Weithaas begeistert an der Geige bei den Hagener Philharmonikern

Seit Jahren bei den Hagener Philharmonikern geschätzt: Antje Weithaas.
Seit Jahren bei den Hagener Philharmonikern geschätzt: Antje Weithaas.
Foto: Marco Borggreve / Theater Hagen
Was wir bereits wissen
Antje Weithaas leitet die Hagener Philharmoniker von der Geige aus - und das Publikum ist begeistert. Als Solistin ist sie seit Jahren außerordentlich geschätzt. Die Berliner Professorin hat ein sehr feinfühliges Verständnis für die Epoche von Mozart Vater und Sohn sowie Joseph Haydn.

Hagen.. Der Dirigent, wie wir ihn heute kennen, ist eine Erfindung der Neuzeit, der Industrialisierung, als die Kunst dem Bürgertum zur Ersatzreligion wurde und der Maestro mit dem Taktstock wie ein Priester Bewunderung und Verehrung fand. Zu Mozarts Zeiten ging es lediglich darum, dass derjenige Orchestermusiker, der den besten Überblick über die Gesamtpartitur hatte, das Tempo und den Bogenstrich koordinierte.

In der Regel war das der Konzertmeister, der häufig selbst komponierte. Die wunderbare Geigerin Antje Weithaas hat im Hagener Sinfoniekonzert nun ein rein klassisches Programm von der Violine aus angeführt – und den begeisterten Hörern so scheinbar vertraute Komponisten und Werke ganz neu vermittelt.

Antje Weithaas ist eine großartige Musikerin; als Solistin ist sie seit Jahren bei den Hagener Philharmonikern außerordentlich geschätzt. Die Berliner Professorin hat ein sehr feinfühliges Verständnis für die Epoche von Mozart Vater und Sohn sowie Joseph Haydn. Dessen A-Dur-Violinkonzert wird in ihrer Deutung zu einem funkelnden Kleinod voller sprühender Virtuosität und ungeahnter Gefühlstiefe.

Sinfoniekonzert Ihr Strich ist voller Leuchten und Transparenz, leidenschaftlich, doch nie überdreht. Gerade der langsame Satz entwickelt bei Antje Weithaas eine subjektive Emotionalität, die genau jenen neuen Ton anschlägt, mit dem Haydn die Musikgeschichte revolutionieren sollte und die für Wolfgang Amadeus Mozart wie ein Katalysator wirkte. Diesen Konflikt zwischen seligem Ebenmaß und dramatischen Einbrüchen sieht Antje Weithaas auch in Mozarts berühmter g-moll-Sinfonie als zentrales Merkmal der Komposition. Die Solistin ist eine konzentrierte und engagierte Orchesterleiterin.

Im Menuett zeigt Antje Weithaas die Popularität von Mozart

Der erste Satz kommt unter ihrer Führung kontrastreich, mit federnden Fagott-Bassläufen, schnell und geradezu explosiv; im großen „gelehrten“ Adagio wandert das Thema durch die Stimmen; im Menuett zeigt Antje Weithaas, wie Mozart den populären Tanzrhythmus in einen bockigen Stampfbass verwandelt; im Finale schnurren die Holzbläser regelrecht vor Glück, während die Heiterkeit der musikalischen Stimmung immer wieder durch gar nicht so harmlose Harmoniewechsel gefährdet wird.

Musikalische Schlittenfahrt bereitet dem Publikum große Freude

Vater Leopold Mozart hat eine „Musikalische Schlittenfahrt“ überliefert, die dem Publikum mit ihren lautmalerischen Effekten die größte Freude bereitet. Drei philharmonische Schlagzeuger mit Nikolausmützen bedienen die Schellen, die Pferdeglöckchen symbolisieren. Das klingt ebenso entzückend wie der gepflegte Streicherklang mit seinem stark bassbetonten Fundament und der von Antje Weithaas delikat eingesetzten Schwelldynamik.

Konzert Trompeten und Horn spielen auf Naturtoninstrumenten, wie es zu der Zeit der Familie Mozart noch üblich war. Diese sind ziemlich schwer zu bändigen, was den Besuchern eine kleine Kostprobe des musikalischen Höralltags vor 250 Jahren vermittelt. Die verwendeten Fanfarenpauken übrigens sind original aus dem Barock mit Kupferkesseln und Ziegenfellbespannung.

Kleine Unfälle auf der Blechseite

Trotz der kleinen Unfälle auf der Blechseite ist es für die Musiker eine hörbare Freude, im stilistisch so vielschichtigen Opern- und Konzertalltag sich einmal ganz auf diese Musik konzentrieren zu können, die vielleicht auf dem Notenblatt einfach erscheinen mag, die aber doch so schwer zu spielen ist, weil auch ein unkundiges Auditorium jede Unsauberkeit sofort hört.

Felix Mendelssohn-Bartholdy war übrigens der erste Dirigent, der vor dem Orchester stand. Diese Entwicklung hatte natürlich nicht nur kultursoziologische Ursachen, sondern auch technische. Je größer die Orchester wurden, je mehr Instrumente mitspielten, desto schwieriger wurde es für die Musiker, sich allein an der Bogenspitze des Konzertmeisters zu orientieren.