Am alten Handy hängt oft noch das Herz
14.11.2007 | 17:57 Uhr 2007-11-14T17:57:00+0100
60 Millionen alte Handys liegen in Deutschland unbenutzt in der Ecke, schätzt das Umweltbundesamt. Das Telefon ist schnell out, schließlich ist es Statussymbol und Spielzeug zugleich. Aber das alte Gerät wegzuwerfen, bringen nur wenige übers Herz. Vier Junge-WP-Autorinnen schreiben heute, welche Erinnerungen sie mit ihren alten Handys verbinden.
Christina Heße:
Knallblau war es und fast so groß wie eine Tafel Schokolade. Das Christkind hatte es liebevoll verpackt unter den Weihnachtsbaum gelegt. Ja, ich gehörte zu der Generation Kids-können-ohne-Handy-nicht-ohne-Gefahr-mit-dem-Bus-zur-Schule-fahren. Klar war es cool, aber genervt hat das Prepaid-Wunder auch, denn es verlangte ständig nach Guthaben. Also musste ein Vertrag her. Und damit ein neues Handy. Es hatte die Größe eines Schokoriegels. Nach vertraglich festgelegten 24 Monaten hatte ich ein klappbares Schokobonbon im Visier. Und wieder gab es ein neues Telefon. Meine kleine Schnuckersammlung konnte ich an meine Handy-hungrigen Cousinen verschenken. Seitdem haben auch sie nicht nur süße Spielzeuge, sondern auch bittere Handyrechnungen.
Kim-Laura Linnenberg:
Dass noch so viele alte Handys im Umlauf sind, ist für mich kein Wunder. Zwar kommen ständig aktuelle Modelle mit neuen Funktionen auf den Markt, aber das alte Handy ist einem oft doch zu schade, um es einfach zu entsorgen. Und auch wenn das „Alte” seinen Geist aufgeben hat, hängen oft Erinnerungen daran, die kein Kratzer und keine fehlende Funktion entwerten kann. So habe ich ein total zerstörtes Handy noch heute im Schrank liegen: Es sieht aus wie ein Mini-Aquarium, weil es in meiner Sporttasche die Begegnung mit einer geplatzten Wasserflasche nicht überlebt hat. Ich war damals nicht sehr traurig, weil ich mir schon lange ein Neues gewünscht hatte. Aber wegwerfen? Dafür sieht es doch zu süß aus. Und dann der Gedanke an die vielen superwichtigen SMS und Anrufe, die ich damit bekommen habe ...
Tanja Kosdei:
Ich habe einige alte Handys in meiner Schublade liegen. Das Älteste habe ich 1999 mit meiner ersten Prepaid-Karte erhalten. Zwei Jahre später ging ich für einige Monate ins Ausland, wofür ich ein SIM-Lock-freies Handy brauchte, und ich bekam ein altes meiner Mutter - das liegt nun auch zu Hause rum. Irgendwann bekam ich meinen ersten Vertrag, bei dem auch das obligatorische Handy bei war. Das fand ich dann aber irgendwann nicht mehr wirklich schön, und ich ersteigerte im Internet ein gebrauchtes Handy, das allerdings einige Schäden hatte. Deshalb hatte ich monatelang dieses Handy, umwickelt mit einem Gummiband, damit der Akku nicht rausfiel. Rettung kam, als ich meinen Vertrag verlängern konnte, und dieses neue Telefon habe ich nun seit zweieinhalb Jahren. Ich bin damit auch ziemlich zufrieden, da es wenig Schnickschnack hat, schlicht ausschaut und noch problemlos funktioniert. Die alten Handys wollte ich schon lange mal im Internet versteigern, aber ich befürchte, die will keiner mehr.
Hanna Goldschmidt:
Alte Handys sind vielseitig zu gebrauchen: Man kann sie benutzen um das wackelnde Tischbein endlich zu begradigen, sich einen bunten Briefbeschwerer basteln oder in Finnland an den alljährlichen Handy-Weitwurf-Meisterschaften teilnehmen. Doch wie kommt man eigentlich zu einem alten mobilen Helferlein? Dass Jugendliche ihre Oma- und Opaversionen gegen frisch aus der Fabrik kommende Handtelefone eintauschen, hat oft den simplen Grund des Statussymbols. Man ist „in” wenn man etwas Neues zeigt und sollte sich schon schämen, wenn man sein gebrauchtes Handy noch nach einem halben Jahr am Ohr trägt. Schnell finden Schüler noch ein weiteres Argument: „Ich verkaufe mein Handy im Internet und von dem Geld besorg ich mir ein neues.” Diese Milchmädchenrechnung freut zwar Schnäppchenjäger, trägt aber nur gering zum Budget für das neue Handy bei. Trotzdem stimmt das Gefühl. Es heißt nicht umsonst „aus alt mach neu”.
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