„Alle Hintergründe gewissenhaft analysiert“
02.11.2010 | 13:00 Uhr 2010-11-02T13:00:00+0100
Hagen.Wenn Donnerstag der Hagener Rat darüber befindet, welches Abstimmverhalten er seinen Vertretern im Aufsichtsrat der Enervie-Gruppe ins Stammbuch schreiben möchte, steht die Entscheidung über den Zentralstandort auf so kippeligen Füßen wie nie zuvor.
Bis zur Sommerpause schien alles klar: Enervie zentralisiert seine übers gesamte Stadtgebiet verstreuten Standorte auf der Haßleyer Insel. Doch dann erteilte Oberbürgermeister Jörg Dehm, gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens, noch einmal den Auftrag, eine mögliche Konzentration des heimischen Energieversorgers auf dem Betriebsgelände in Wehringhausen zwischen Rehstraße und Schlachthof zu überprüfen. Ein Anstoß, der eine politische Lawine auslöste.
Wenn am kommenden Donnerstag der Hagener Rat darüber befindet, welches Abstimmverhalten er seinen Vertretern im Aufsichtsrat der Enervie-Gruppe ins Stammbuch schreiben möchte, steht die Entscheidung über den künftigen Zentralstandort auf so kippeligen Füßen wie nie zuvor: Während die CDU/FDP-Koalitionäre für Haßley plädieren, sprechen SPD, Grüne, Hagen Aktiv sowie die Linke sich vorzugsweise für Wehringhausen aus. Letztlich werden die Mehrheitsverhältnisse davon abhängen, wer bei der entscheidenden Abstimmung sich für befangen erklärt oder gar wegen Krankheit fehlt. Ivo Grünhagen, Vorstandssprecher der Enervie-Gruppe, stellte sich vor dem Ratsvotum noch einmal den Fragen unserer Zeitung:
Frage: Dass sich durch eine Zentralisierung der Enervie-Standorte Kosten sparen lassen, ist unbestritten. Aber warum muss dies ausgerechnet in Haßley passieren?
Ivo Grünhagen: Wir haben alle Hintergründe zum Neubau unserer Hauptverwaltung gewissenhaft analysiert und sind zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: Haßley ist aus vielfältigen Gründen die mit Abstand beste aller Alternativen! So reduzieren wir die derzeit neun Standorte und sparen dadurch nicht nur Kosten, sondern auch CO2 und Feinstaub ein, die sonst die Innenstadt dauerhaft belasten würden. Wichtig ist vor allem: Wir brauchen effiziente Prozesse, um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen und uns im immer stärker werdenden Wettbewerb zu behaupten. Und das können wir nur durch eine Zentralisierung in Haßley erreichen. Schließlich fühlen wir uns dazu verpflichtet, nachhaltig die Dividende für unsere Anteilseigner, allen voran die Stadt Hagen, zu sichern. Zudem wird ein Neubau der Enervie an diesem verkehrsgünstigen Standort mit einem Verkehrsaufkommen von rund 80 000 Fahrzeugen täglich zu einem aussagestarken und imagefördernden Aushängeschild für Hagen. Und die Wahrnehmbarkeit in der Region ist ein kostbares Gut, das wir pflegen wollen.
Frage: Ist es nicht unlauter, bei einem Vergleich der Standorte Wehringhausen und Haßley den Grunderwerb an der Haßleyer Straße auszuklammern?
Grünhagen: Wir klammern nichts aus, in den Wirtschaftslichkeitsbetrachtungen sind die entsprechenden Kosten berücksichtigt.
Frage: Mit dem Abzug von etwa 700 Beschäftigten aus der Hagener Innenstadt befürchtet der Hagener Einzelhandel einen spürbaren Kaufkraftverlust. Können Sie diese Sorge der Geschäftsleute nachvollziehen?
Grünhagen: Zunächst einmal: Wir reden hier nicht über 700 Beschäftigte, da die Mitarbeiter an unseren Standorten in Oberhagen, Wehringhausen oder Garenfeld gar nicht im Innenstadtbereich tätig sind. Fußläufig ist die Innenstadt somit ohnehin nur für einen Teil unserer Mitarbeiter, vorzugsweise aus der Hauptverwaltung, erreichbar. Grundsätzlich sind die Sorgen nachvollziehbar – allerdings werden die in Hagen beheimateten Mitarbeiter ihre Einkäufe sicherlich auch weiterhin in Hagen erledigen.
Frage: Die Debatte um die Standortverlegung hat vor allem deshalb noch einmal an Dynamik gewonnen, weil die Politik mit der Nachfolgenutzung in Wehringhausen unzufrieden ist. Was können Sie für die Flächen zwischen Schlachthof und Rehstraße heute ganz konkret anbieten?
Grünhagen: Uns liegen konkrete Angebote von Firmen aus dem Automobilsektor vor, die bisher nicht hier vor Ort ansässig sind und somit neben Investitionen in Millionenhöhe auch neue Arbeitsplätze und Gewerbesteuerzahler nach Hagen bringen wollen. Die Politik sollte darüber hinaus bedenken, dass durch eine Aufgabe des Standortes seitens Enervie die Möglichkeit besteht, die Gewerbegrundstücke durch eine Erschließung aufzuwerten und einer kleinteiligen Nutzung zuzuführen. Dies gilt im übrigen auch für das Schlachthofgelände. Würden wir dagegen unseren Gesamtstandort nach Wehringhausen verlagern, entfielen u.a. die Hawker- Stellplätze. Dies wiederum würde nach unseren Informationen die Fördermaßnahme „Bahnhofshinterfahrung“ mit einem Investitionsvolumen von 60 Millionen Euro in die Infrastruktur der Stadt Hagen massiv gefährden! Dagegen könnten durch die Verlagerung der Enervie die von der Stadt Hagen beklagten fehlenden Gewerbeflächen an der B7 bereitgestellt werden. Und das bezieht sich nicht nur auf die direkt von Enervie genutzten Flächen, sondern auch auf derzeit brachliegende Areale im Umfeld.
Frage: Warum wäre eine Enervie-Zentralisierung in Wehringhausen für Sie nur die zweitbeste Lösung?
Grünhagen: Wehringhausen ist für uns definitiv nicht die zweitbeste Lösung! Bereits 2007 haben wir festgestellt, dass der Standort für unsere Pläne nicht gut geeignet ist. Daraufhin haben wir insgesamt acht weitere Alternativen intensiv geprüft. In Wehringhausen müssten wir uns unter anderem der schwierigen Herausforderung stellen, alte und neue Bausubstanz miteinander zu verknüpfen. Aufgrund der Vorbelastung des Grundstücks mit erheblichen Altlasten wäre zudem ein umfangreicher Sanierungsplan erforderlich, der voraussichtlich immense Entsorgungskosten nach sich ziehen würde. Aus unserer Sicht wäre es aus wirtschaftlicher Sicht absolut unvertretbar, ohne Not eine solche Fläche zu öffnen – zumal wir konkrete Vorschläge für verträgliche Nachnutzungsmöglichkeiten vorliegen haben. Dazu kommt die unvorteilhafte Lage mit einer Trennung der Grundstücke durch die Hauptverkehrsstraßen, die auch nur geringe Erweiterungsmöglichkeiten offen lässt. Generell hat der Standort durch seine Randlage in unserem Netzgebiet verkehrstechnisch und in puncto Erreichbarkeit massive Nachteile. Man kann die Liste der Unzulänglichkeiten noch weiter verlängern – höhere Baukosten, Einschränkungen des laufenden Betriebs während der Bauphase und zusätzlich notwendige Umzüge von Mitarbeitern, um nur einige Punkte zu nennen.
Frage: Was halten Sie von einem Zwei-Standorte-Konzept? Könnte man sich die Verwaltung nicht auch weiter an der Körnerstraße und die technischen Einheiten in Wehringhausen vorstellen?
Grünhagen: Diese Variante ist ebenfalls intensiv von uns geprüft worden – mit dem klaren Ergebnis, dass wir bei weitem nicht die Synergien heben können, die uns eine Zentralisierung in Haßley ermöglicht. Die Betriebs- und Unterhaltungskosten, wie zum Beispiel der Energiebedarf, sind an zwei Standorten deutlich höher. Zudem stehen an der Körnerstraße nicht genügend Flächen für die rund 600 benötigten Büroarbeitsplätze zur Verfügung. Eine mögliche Erweiterung des Gebäudes würde hier auch keine ausreichende Abhilfe schaffen. In der Konsequenz müssten wir gegebenenfalls Arbeitsplätze aus Hagen abziehen und zum Beispiel nach Lüdenscheid verlegen. Und das kann ganz sicher nicht im Sinne der Politik und der Stadt Hagen sein!
13:24
Wieso liegen den Herrn Grünhagen anfragen vor über Autohäuser usw.? Da werden auf einmal zum Toreschluß noch einmal potenzielle Investoren aufgerufen um eine Entscheidung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wenn die Entscheidung dann positiv ausgefallen ist, dann sind auch die Investoren auf einmal weg. Kennen wir alles schon.
@ssauer, lasst uns Saturn und C&A auf die grüne Insel setzen, dann wird die Feinstaubbelastung der Innenstadt stark gesenkt ... was für eine Argumentation *an-den-Kopf-pack*
06:11
Altlasten schrecken doch jeden Investor ab, was soll der Blödsinn ?Wenn Ernervie in Wehringhausen baut müssen belasteteFlächen geöffnet werden ! Wenn Andere bauen nicht ?
Die berühmte völlig überflüssige Bahnhofshinterfahrung muss auch noch herhalten ? Wer würde denn in eine Gegend investieren, in der vieleicht die nächsten 10 Jahre massiv der Verkehr durch Baumassnahmen gestört wird, allerdings, vieleicht auch nicht. Unsere Verwaltung arbeitet glaube ich seit den 50iger Jahren an der Hinterfahrung.
19:00
ENERVIE ist die Rechtsnachfolgerin der früheren Stadtwerke. Unter derern Regie sind die Bodenbelastungen entstanden. Es ist nur recht und billig, dass ENERVIE sich um das Gelände kümmert und es nicht dem Steuerzahler aufs Auge drückt. Die paar Autos werden die Feinstaubbelastung nicht merklich beeinträchtigen.
17:45
Grünhagen will um jeden Preis nach Haßley! Ein schöner Neubau auf der grünen Wiese - die Altlasten in Wehringhausen überlassen wir dem Steuerzahler!
Für Hagen wäre es ein Gewinn - und für das in Teilen verslumte Wehringhausen erst recht, wenn Enervie an der B 7 bauen würde!
17:25
Es ist tatsächlich nicht möglich, in einem Forum der WAZ, Dietmar Thieser zu kritisieren. Bekommt Ihr das bezahlt?
16:37
Lustig, dass man hier diskutieren darf, bei dem Artikel mit Didi Thieser aber nicht: http://www.derwesten.de/staedte/hohenlimburg/Enervie-soll-Impulse-an-der-Rehstrasse-setzen-id3878518.html Da funktioniert die WAZ-eigene Thieser-Schutzautomatik wieder hervorragend. Mal sehen, wie lange es Dauert, bis dieser Kommentar gelöscht wird, ich mache mal einen Screenshot.
16:34
Haßley ist die beste Alternative.
Eine zentralisierte Verwaltung würde sämtliche Geschäftsprozesse optimieren und darüber hinaus erheblich wirtschaftlicher zu unterhalten sein, als ein Standort hier, ein Standort da.
Wer den Betriebshof Wehringhausen kennt (!), weiß, dass dies keine Option ist...
16:04
Ich muss das mal dem Herrn Grünhagen recht geben. Die Belastung durch die Fahrzeuge der Mitarbeiter der Mark-E und Enervie wären sicherlich nicht gering. Man würde durch das Auslagern auf die Haßleyer Insel doch einiges ein Feinstaub aus Hagen raus halten. Hier sollte man doch auch die drohende Umweltzone beachten.
15:58
Stimmt - die Welt und alle Menschen und besonders Enervie ist schlecht.
Typisch Deutsch, immer die negativen Seiten suchen und üble Absichten unterstellen.
15:20
sicher, und weil der gute Ivo ein durch und durch lauterer Charakter ist, muss man als Bürger auch nicht vermuten, dass er da Dinge unterschlägt bzw. verfremdet oder hinzufügt.
Mich würde einmal interessieren, woher die Altlasten kommen, bzw. wer dafür verantwortlich ist.
Für ENERVIE ist es also unzumutbar, das Gelände in einen Zustand zu bringen, der eine vernünftige Entwicklung gewährleistet?
Kein Problem, wir machen das schon, wir Bürger.
So läufts ja auch mit der Kernenergie. Kann man sich dran gewöhnen, so als Energieunternehmen.
Als Bürger beschleicht mich wieder mal das komische Gefühl, dass ich über den Tisch gezogen werde.