80-Jähriger droht die Obdachlosen-Unterkunft

Breckerfeld..  Der 30. Januar ist der Tag, vor dem sich Ursula Glomke so fürchtet. Raus aus der Wohnung, raus den vier Wänden, in denen sie seit über 35 Jahren lebt. Und das im Alter von 80 Jahren. Allein und ohne Verwandte.

„Vor diesem Hintergrund fordere ich Sie nunmehr auf, jegliche Nutzung der Wohnung bis zum 30. Januar einzustellen“, steht in dem Brief, den ihr der Ennepe-Ruhr-Kreis geschickt hat. Von 1000 Euro Zwangsgeld ist die Rede. Eine Zwangsräumung durch den Gerichtsvollzieher droht der Rentnerin als letzte Konsequenz.

Neue Straße 15, ein Haus wohl aus dem 19. Jahrhundert, gebaut nach den letzten beiden Stadtbränden im September 1943 und im November 1846. Es hat die Jahre, die Jahrzehnte überdauert. Aber nicht, ohne dass der Zahn der Zeit an ihm genagt hätte. Und zwar so, dass man die Spuren schon von außen nur zu deutlich sehen kann.

Fehlende Standsicherheit – bemängelt die Bauaufsicht in Schwelm. Und meint damit nicht, dass das ganze Gebäude zusammenzubrechen droht, sondern hat vor allem die Decken im Visier. „Die Statik ist untersucht worden“, so Ingo Niemann, Sprecher des Ennepe-Ruhr-Kreises, „das Verfahren läuft seit Oktober 2014.“

Zwei Gerichte – das Verwaltungsgericht in Arnsberg und zuletzt das Oberverwaltungsgericht in Münster – haben sich mit dem Haus Neue Straße 15 und mit der einzigen Mieterin Ursula Glomke beschäftigt. Und haben bestätigt, was die Kreisverwaltung am 27. Oktober erstmals verfügt hat.

Gutachten in Auftrag gegeben

Ursula Glomke kann das nicht nachvollziehen. Sie hat das Hagener Ingenieur-Büro Bild mit einer Begutachtung ihres Zuhauses beauftragt.

Ergebnis: „Die Gesamtstandsicherheit des Gebäudes ist als gegeben anzusehen; eine unmittelbare Einsturzgefahr konnte im Rahmen der Begehung nicht festgestellt werden.“ Und weiter: „Für die weitere Nutzung des Objektes als Mieteinheit im Erdgeschoss ist wesentlich, dass das Eindringen von Feuchtigkeit in die Konstruktion verhindert wird.“

Das allerdings würde wohl eine Investition in das Gebäude voraussetzen. Geld allerdings habe der Besitzer, so Glomke, bereits seit Jahren nicht mehr in das Haus gesteckt. „Es gammelt einfach vor sich hin.“ Ein Grund dafür, dass Ursula Glomke nach eigener Aussage seit acht Jahren keine Miete mehr zahlt: „Der Kitt in den Fenstern ist raus, zwei Scheiben sind kaputt. Es zieht wie Hechtsuppe. Ich komme für die Energiekosten auf. Mehr nicht.“

Nach Breckerfeld zog Ursula Glomke vor 35 Jahren. Ein Handarbeitsgeschäft hat sie damals in dem kleinen Ladenlokal neben ihrer Wohnung aufgemacht. Als der Laden nicht mehr lief, trug die ehemalige Lager-Leiterin eines Autohauses Zeitungen aus. Heute bezieht sie eine kleine Rente und die 94 Quadratmeter im Erdgeschoss sind immer noch ihr Zuhause. Hier lebt sie mit zwei Katzen.

Unterbringung droht

Die Stadt Breckerfeld hat angeboten, ihr einen Platz im Seniorenheim zu vermitteln. Aber das will Ursula Glomke nicht. „Was wird denn dann aus meinen Sachen? Wer kommt für die Umzugskosten auf? Außerdem bin ich ja kein Pflegefall.“

Wenn sie nicht auszieht, droht der Rentnerin die Unterbringung in einer Unterkunft. Dazu ist die Stadt Breckerfeld verpflichtet. „Wir haben Frau Glomke ja sogar über das Sozialamt eine Wohnung angeboten. Sie hat das abgelehnt“, erklärt Joachim Fliß, Leiter des Bauamtes, der für die Stadt mit der Angelegenheit betraut ist, im Grunde aber auch nur die Argumentation des Kreises wiederholen kann. „Von dem Haus geht eine konkrete Gefahr aus. Deshalb muss Frau Glomke, ob sie möchte oder nicht, ausziehen.“

Was das für das denkmalgeschützte Gebäude bedeutet, ob es eventuell abgerissen wird, ist offen. Der Besitzer, der das Gebäude geerbt hat, war für unsere Zeitung nicht zu erreichen. Seine Hagener Anwälte der Kanzlei Schunck, Ritzenhoff und Kollegen verweisen auf ihre Schweigepflicht.

Vor einem möglichen Abriss steht der Denkmalschutz. Ohne Kenntnis des konkreten Falls erklärt Dr. Thomas Spohn von der Denkmalpflege des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe: „Der Eigentümer eines denkmalgeschützten Hauses kann nicht ohne Weiteres abreißen. Zunächst hat er die Verpflichtung, ein Baudenkmal zu erhalten. Die Stadt muss dafür sorgen, dass er das auch tut. Im Zweifel durch Zwangsgeld oder eine Ersatzvornahme. Nur wenn ein Gebäude nicht sanierungsfähig ist oder eine Sanierung dem Eigentümer nicht zumutbar ist, darf es abgerissen werden.“