20 Minuten zwischen Angstraum und Idyll

Wehringhausen..  Hagen pur, eine Stadt voller optischer Widersprüche, ein permanenter Wechsel zwischen Schmuddelecken und Natur. Industriestadt, vom Strukturwandel geprägt, vom Bombenhagel des Krieges dem Gros seiner architektonischen Schätze beraubt, von dicht befahrenen Verkehrsadern durchschnitten. Aber auch waldreichste NRW-Großstadt, Scharnier zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, entlang der Ufer vierer Flüsse entwickelt, umsäumt von grünen Höhenzügen, zwei Seen und einer pittoresk gelegenen Talsperre. Gegensätzliche Elemente, die zu einer ­vitalen Symbiose verschmelzen. Wer in Hagen wohnt, hat es aus den Zentren nicht weit ins Grüne und aus den Randlagen nur einen Katzensprung bis zur Urbanität eines regionalen Oberzentrums. Innerhalb von 20 Minuten gelingt das Wandeln zwischen den Welten. Ein beispielhafter Streifzug durch facettenreiche Wohnuniversen führt vom Bodelschwinghplatz aus die Bachstraße hinauf zur Waldlust. Auf geht’s zu einem subjektiven ­Osterspaziergang der anderen Art.

Chance zu neuer Vitalität

Seit der Verkehr über den ersten Bauabschnitt der Bahnhofshinterfahrung rollt, eröffnen sich wieder Chancen, dem herrschaftlichen, aber zugeparkten Platz rund um den Drei-Kaiser-Brunnen Vitalität und Lebensqualität einzuimpfen. Ein Plakat am heruntergekommenen Spielplatz rund um eine einsame Mini-Rutsche suggeriert die Hoffnung, dass im Rahmen des Soziale-Stadt-Wehringhausen-Projektes hier ein Gemeinschaftsgarten entstehen könnte. Doch noch umschwärmen Substitutionspatienten wie Motten das Licht genau jenes Karree, das mit seiner mehrgeschossigen Bebauung aus der Gründerzeit an bessere Jahre erinnert. Um die Jahrhundertwende entwickelte sich die Stadtbebauung den Hang hinauf, entlang des Wehringhauser Baches entstand die Bachstraße.

Heute beginnt ihr Lauf an der ­Augustastraße. Wer hier wohnt, muss in direkter Nachbarschaft zur Bahnlinie nach Köln schon eine ganz besondere Affinität zum Gleisverkehr mitbringen, um das stete Rumpeln der Züge tolerant überhören zu können. Eine Gleisunterführung schafft die Verbindungsachse zwischen Bodelschwinghplatz und Bachstraße. Hier prosten sich schon zur Frühstückszeit Menschen mit Bierflaschen zu und machen den Tunnel zu einem Angstraum für Passanten. Großstadt ganz unten. Der Boden ist mit Kronkorken übersät, Pappkartonagen dienen auf der Treppe zum Tageslicht hinauf der Trinker- und Drogenszene als Sitzunterlagen, ein Aufkleber an einem Laternenpfahl warnt vor ausgelegtem Rattengift. Die Tür des Kiosks an der Ecke ist seit wenigen Monaten zugemauert. Ein gewaltiges Wandgemälde in Toulouse-Lautrec-Optik begrüßt zwar farbgewaltig die Bahnreisenden, gibt dem unteren Wehringhausen aber noch lange kein Montmartre-Flair.

Die Bachstraße führt leicht ansteigend zwischen den Fronten der Gründerzeithäuser hindurch. Die meist bunt gestalteten Fassaden mit ihren aufwendigen Verzierungen lassen erahnen, dass hier einst wohlhabendere Menschen gelebt haben. „Wieso, ist doch alles prima hier“, schmettert mir Walter Prien entgegen, der gerade mit seinem ­Hackenporsche an der Hand zum Einkaufen in die Bismarckstraße in Richtung Wilhelmplatz abbiegt. Er weiß schon gar nicht mehr genau, wie lange er hier wohnt. „Irgendwas in den 70ern“, meint der Rentner. „Ich kann hier meine Besorgungen erledigen, da vorne fährt der Bus, meine Nachbarn sind ruhig, was will man mehr.“ Den schäbigen Hochbunker an der Ecke empfindet er alles andere als störend. „Der war doch schon immer hier.“ Die Betonwände, die sicherlich so manche Geschichte von der Grausamkeit des Krieges und menschlichen Schicksalen erzählen könnten, sind weitgehend hinter einer immergrünen Fassadenberankung verschwunden. An der Ecke hängt ein Spender mit Plastiktüten für Frauchen und Herrchen. Ein Blick in das Pflanzbeet daneben beweist, dass leider nicht jeder Hundebesitzer die intellektuelle Transfer­leistung hinbekommt, was mit den Beuteln wohl bezweckt wird.

50 Meter weiter kreuzt die Lange Straße. Ein anderes Universum. Mit Ali Babas Dönerbude mit angeschlossener türkischer Backstube und der Fleischerei Regenbogen beginnt die Wehringhauser Einkaufsmeile. Hier brummt das Leben. Nicht nur die Nachbarschaft versorgt sich vor allem mit Lebensmitteln: das gesamte Spektrum des täglichen Bedarfs Tür an Tür. Derweil steigt die Bachstraße weiter gemächlich an. Stoßstange an Stoßstange reihen sich an den Rändern die Autos auf. Parkraummangel ist in Wehringhausen ein Dauerthema. Ein Friseur bietet an der Ecke Grummertstraße das volle Serviceprogramm aus der Welt der Eitelkeiten. Gegenüber die AWo-Tagesstätte mit angeschlossenem SPD-Schaukasten, der wiederum für gesunde Ernährung wirbt. Dass die Verpackungen der entsprechenden Lebensmittel nicht unbedingt in die Pflanzbeete entlang der Bachstraße gehören, hätten die Genossen ruhig dazuschreiben können.

Mehr Licht dringt in die bislang geschlossene Straßenschlucht. Garagenhöfe und geduckte Flachbauten bieten bis zur Einmündung der Bleichstraße der Sonne Platz für ihre wärmenden Strahlen. Kaum ein Auto stört die Ruhe – bis 20 Meter weiter die Buscheystraße kreuzt. In der Senke vor einer der letzten Eckkneipen wird allzu deutlich, warum sich viele Anwohner eine ­Tempo-30-Regelung wünschen. Die Straße am „Anno 1911“ (früher: „Zu den drei Türmen“) gehört zu den wichtigsten Verbindungsachsen zwischen Haspe und Zentrum. Der Betreiber der Trinkhalle und der Pizza-Service an der gegenüberliegenden Ecke leben von der stetig vorbeirollenden Kundschaft.

Jenseits der permanent rauschenden Verkehrsachse wird die Bausubstanz jünger und die Bachstraße breiter. Zwischen Parkstreifen und Häuserfronten bleibt nicht bloß Platz für Bürgersteige, sondern auch für schmale Vorgärten. Ein ­Zigaretten-Automat bildet die letzte Infrastruktureinrichtung vor dem Stadtwald. Die Bachstraße kreuzt die Dömbergstraße, hier enden die geschlossenen Häuserfronten endgültig, der Blick öffnet sich auf den arg in die Jahre gekommenen Rollschuhplatz. Alleebäume mit aus­ladenden Kronen umsäumen das Trottoir. Die Sache mit dem Hundekot kapieren hier ebenfalls nicht ­alle.

Katzensprung in die Natur

Die Uniformität zweigeschossiger GWG-Häuser bestimmt die Optik. Eine Freifläche kurz vor der Schumannstraße gibt den Blick auf das AKH-Schwesternwohnheim frei, dahinter recken sich die Gehölze des Stadtwaldes in den Himmel. Der Straßenlärm der Buscheystraße wird längst vom Gezwitscher der Vögel übertönt. Die Architektur der frei stehenden Ein- und Mehrfamilienhäuser reicht von Fachwerkbauten bis hin zu römisch angehauchter Moderne. Am Wegesrand lädt eine Holzbank zum Verweilen ein – wenn sie sich denn nicht in einen Moospelz gehüllt hätte. Das Tal wird hier enger und schattiger.

An der Nachtigallenstraße machen die GWG-Immobilien endgültig Platz für schmucke Einfamilienhäuschen. Ein Schild weist darauf hin, dass in der Sackgasse lediglich noch Anlieger willkommen seien. Das sonore Rauschen unter einem Kanaldeckel lässt erahnen, dass es den Namensgeber der Bachstraße doch noch irgendwo geben muss. Östlich der Fahrbahn endet die Bebauung und macht Platz für Wald. Gegenüber leben Menschen, denen es gefällt, ihr Zuhause mit türkisfarbenen Dachpfannen vor dem Regen zu schützen. Vor dem letzten Häuschen mit der einzigen dreistelligen Hausnummer und dem opulenten Versuch einer Rankenwuchs-Wärmedämmung, rosten drei arg verwahrlost wirkende Schätze eines Opel-Kadett-Fans vor sich hin. Das heruntergekommene Häuschen mit einem nicht minder ramponierten Garten lässt hoffen, dass hier niemand dauerhaft wohnen muss. Die Hobbygärtner des direkt angrenzenden Kleingartenvereins haben einen ganz anderen Anspruch an ihre idyllisch gelegenen Parzellen.

Am eisernen Tor der Anlage wird auch der Wehringhauser Bachlauf erstmals sichtbar, der ansonsten im Untergrund ins Tal in Richtung Ennepe fließt. Wo der Forst die Spaziergänger umarmt, plätschert er hinter einem rostigen Geländer durch sein Bett. Der Weg steigt jetzt etwas steiler an und führt schließlich zur Waldlust hinauf. Das altehrwürdige Ausflugslokal aus dem Jahr 1889 mit großer Vergangenheit ist Ausgangspunkt für Wanderungen vorbei am Wild- und Saupark. Natur pur nur 20 Minuten und neun Querstraßen entfernt von der herben Realität des Bodelschwingh­platzes. Die Verbindungsachse Bachstraße macht’s möglich – wie an so vielen Stellen in der waldreichsten NRW-Großstadt.