Zwei Temperamente, ein beeindruckendes Klavierkonzert

Die junge Pianistin Ying-Chen Tsai überzeugte mit ihrer einfühlsamen Musik.
Die junge Pianistin Ying-Chen Tsai überzeugte mit ihrer einfühlsamen Musik.
Foto: FUNKE FotoServices
Was wir bereits wissen
Zweit Studierende der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ (Dresden) begeisterten die Besucher beim Forumskonzert in der Mathias-Jakobs-Stadthalle.

Gladbeck..  In sich gekehrt sitzt eine schmale Silhouette am großen Flügel der Mathias-Jakobs-Stadthalle – ein Mädchen, versunken im Dialog mit sich selbst und den Klängen der schwarz-weißen Tasten.

Der Klavierabend des 27. Forums Deutscher Musikhochschulen beginnt am Dienstagabend schnörkellos. Das liegt nicht nur an der Pianistin Ying-Chen Tsai mit ihrem klaren, gradlinigen Spiel, sondern vor allem an den sechs Klavierstücken op. 118 von Johannes Brahms. Virtuos ja, aber eben auch etwas spröde, distanziert. Erst mit dem letzten Satz wollen melancholische Klänge den Zuhörer in Bann ziehen, öffnet sich das Intermezzo es-moll aufbäumend und fordernd.

Einfühlsame Pianistin

Die einfühlsame Ying-Chen Tsai kommt bei Alexander Skrjabins Sonate Nr. 4 fis-Dur noch eindrucksvoller zum Tragen. Das Klangspektrum des russischen Komponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist enorm. Spitze Tonfolgen, gleißend wie Mittagssonne, jazzig anmutende Akkorde und Rhythmen, aufgewühlte Klassikpassagen – wie eine Schachtel zusammengewürfelter Noten, die magisch eine perfekte Anordnung finden. Es scheint, als schaue auch die junge Taiwanesin staunend auf ihre eigenen Hände und lausche den Klängen, die aus den Saiten springen. Bravo-Rufe und Applaus der mehr als 150 Zuhörer, die mit diesem Bild in die Pause gehen.

Der zweite Teil des Abends gehört Wonny Seongwon Park – ein anderes Temperament. Der junge koreanische Pianist zelebriert seinen Auftritt mit tiefer Verbeugung und beginnt mit zeitgenössischer Musik. Lowell Liebermanns „Nocturne Nr. 4“ eröffnet mit vier ostinato-Tönen in chromatischer Folge, die sich wie stete Tropfen ins Ohr bohren. Mit Zauberhand malt Park die Melodie-Kleckse hinein. Immer atemloser werden die Sequenzen, brausend schwingt sich der Klang in die Höhe, nur um tiefer zu fallen. Schmerzverzerrt ist das Gesicht des Pianisten und, als wäre es einstudierte Choreografie, ist durch die großen Fenster der blutrote Himmel der hereinbrechenden Abenddämmerung zu sehen.

Intensive Emotionen, wie sie hundert Jahre zuvor erlebt wurden, zeigen sich in einer Ballade von Chopin mit all den rasanten, virtuosen Läufen, für die der polnische Komponist bekannt ist. Park meistert die „Lichtgeschwindigkeit“ souverän.

Seine ganze Leidenschaft entfacht er zum Abschluss mit Sergej Rachmaninows Variationen auf ein Thema von Corelli. Trauer und Tränen scheinen sich durch das Werk zu ziehen – Abschiedsstimmung. Aus Weinen wird Wut, am Ende steht ein stählerner Klang der Verzweiflung wie eine Wand im Raum – und ein erschöpfter Pianist.

Mit ihren unterschiedlichen Temperamenten haben die Studierenden der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ (Dresden) ein großartiges Konzert beschert und das Publikum verzaubert.