Wo war der Hummer?
02.11.2010 | 18:52 Uhr 2010-11-02T18:52:00+0100
Gladbeck.Kulinarik im Sinne der Aufklärung sollte das Thema der 13. Veranstaltung von „Mehr Licht“ sein. Das Publikum hat ein paar Zutaten vermisst.
Man nehme: Einen Sternekoch (Vincent Klink), einen bekennenden Gourmet und Literaturkritiker (Denis Scheck), platziere diese in einen Raum für die Kunst (Neue Galerie) und serviere das alles im Sinne der „kulinarischen Aufklärung am Beispiel eines Hummers“ einem (Gladbecker) Publikum – das sich anhand dieser Zutaten einen unterhaltsamen, gleichwohl auch erkenntnisreichen Abend erhofft. „Mehr Licht“ eben, wie der Titel dieser anspruchsvollen Ruhr.2010 Veranstaltungsreihe des Literaturbüros Ruhr verheißt.
„Wie‘s geschmeckt hat?“ will man am Ende des kulinarischen Zwiegesprächs zweier Prominenter wissen. Und erfährt: „Ganz unterhaltsam, aber anders als erwartet“. Denn „wo war der Hummer?“ fragen die Gäste kritisch beim Hinausgehen.
So kritische Verbraucher, die sind übrigens ganz im Sinne Klinks, dem sympathisch bodenständigen Sternekoch mit literarisch-philosophischen Ambitionen. Genau das propagiert er, wenn’s ums Essen geht: „Leute, sagt, wenn’s euch nicht geschmeckt hat.“ Das nämlich tun die Deutschen viel zu wenig, sie essen zu unbewusst und zu schlecht. Dabei ist die Entscheidung für gutes Essen auch ein Stück Freiheit - hatte Literaturbüroleiter Gerd Herholz zu Veranstaltungsbeginn den Bogen von der Kulinarik zur Aufklärung gespannt.
Nicht vom Hummer, aber vom Fleisch war viel die Rede an dem Abend. Dass die Deutschen zu viel davon essen, die Männer sogar doppelt so viel wie die Frauen – laut Klink hat das „irgendetwas mit den Genen und der mystischen Bedeutung von Fleisch als Kraftspender“ zu tun. Er appelliert an die Fleischesser, ihre Vernunft nicht für ein paar Euro dranzugeben: Superbilliges Hack oder Putenfleisch für ein paar Euro vom Supermarkt: „Keiner würde sich einen Porsche mit zwei Rädern kaufen, oder Winterreifen für fünf Euro“, zieht der Sternekoch einen Vergleich. Warum das Billigfleisch trotzdem seine Kunden findet? Klink, der die Massentierhaltung als Verbrechen bezeichnet: „Vielleicht ist es Selbsthass, oder ein Testprogramm für die Unterzerstörbarkeit des menschlichen Körpers?!“
Nun muss man sagen, dass der Sternekoch, der auch im Fernsehen kocht, nicht so abgehoben ist, dass er nicht um die Not vieler Menschen wüsste, die sich kein teures Fleisch leisten können (und im Leben nicht das 34-Euro-Kotelett in seinem Restaurant bezahlen könnten). Nein, Klink ist eben ein leidenschaftlicher Verfechter der guten Küche, einer Kochkunst, in der man sich verlieren kann wie in einem guten Stück Literatur. „Kochen ist ein rauschhaftes Erlebnis“, sagt er.
Dass so ein Kochkünstler sich angewidert von Fertigprodukten voller künstlicher Aromen, Analogkäse und Klebefleisch abwendet, das wundert nicht. Aber der Schwabe, dem die Stuttgart-21-Gegner derzeit so recht aus dem Herzen sprechen, will diese Botschaft auch an andere vermitteln: „Nicht einfach schlucken, was serviert wird, der Köper erinnert sich, wenn er beschissen wird, ein Teil des Gehirns sitzt im Bauch.“
Wie man nun lernen kann, gut zu essen? „Möglichst viele unterschiedliche Dinge probieren, das Schmecken lernen“, so sein Rat. Dass er dafür ausgerechnet Kutteln als Beispiel preist, so manchen schüttelt’s dabei. Aber auch Ekel, so Klink, gehört dazu.
15:51
Machts gut, und danke für den Fisch!