"Wir Grünen sind erwachsen geworden"
13.01.2010 | 08:32 Uhr 2010-01-13T08:32:00+0100Gladbeck. Die Bundesgrünen gründeten sich heute vor 30 Jahren. Die Gladbecker Grünen etwas später, im März 1983.
Die Arbeiter- und Bergbaustadt Gladbeck war nie eine Grünen-Hochburg. Grüne Politik wird hier dennoch seit fast 30 Jahren gemacht, aktuell sitzen die Grünen in einer Koalition mit der SPD wieder an den Hebeln der Macht. „Wir machen realistische Politik”, sagt Fraktionsvorsitzender Mario Herrmann im Gespräch mit Maria Lüning.
Die Gladbecker Grünen haben sich im März 1983 gegründet, also gerade 27 Jahre alt. Mittlerweile erwachsen oder schon im Rentenalter?
Herrmann: Definitiv erwachsen, auch wenn ich mich in mancher spannenden Ratsdebatte manchmal noch lausbubenhaft fühle und gerne mal jemanden ärgere. Aber mit unseren Themen, die in den 80er Jahren noch oft belächelt wurden, werden wir heute ernst genommen. Die Gesellschaft hat sich für umweltpolitische Themen geöffnet.
Kann man mit den klassischen grünen Themen heute tatsächlich noch Blumentöpfe gewinnen?
Gerade heute. Gesunde Ernährung, nachhaltige Energieversorgung oder Folgen des Klimawandels werden mittlerweile auch von den etablierten Parteien thematisiert. Wir Grünen haben aber auch gelernt, andere Themenfelder zu besetzten, z. B. in der Familien- und Bildungspolitik, oder bei den Verbraucherrechten. Und wir machen eine gute Figur bei finanzpolitischen Themen und ökologischen Ansätzen in der Steuerpolitik.
Fast 30 Jahre grüne Politik in Gladbeck – ist die Stadt grüner geworden?
Ja, schon. Wenn man daran denkt, dass in den 70ern die autogerechte Stadt Vorrang vor dem ÖPNV hatte, dass z.B. für den Bau der Markthalle eine alte Häuserzeile abgerissen wurde. Das würde es heute nicht mehr geben, da hat es Lernprozesse gegeben. Heute sind wir eine u.a. fahrradfreundliche Stadt.
Sie waren von '94 - '04 in einer schwarz-grünen Koalition, seit der letzten Kommunalwahl gibt's rot-grün. Sind die Gladbecker Grünen eher Realos als Fundis?
Realos, denke ich. Das ist in der alltäglichen Politik aber auch anderswo üblich. Doch das Verhältnis zwischen SPD und Grünen hat sich hier auch stark verändert. In den 70ern hat eine rotkonservative SPD hier noch alles platt gewalzt. 1994, als wir eine Koalition mit der CDU eingingen, bedeutete einen Kulturbruch. Das wirkt positiv nach, die Beziehung SPD und Grüne hat sich normalisiert. Wir nehmen uns gegenseitig ernst, verkehren auf Augenhöhe.
Es gibt Kritik an der grünen Position zur A 52, die die Tunnellösung mitträgt. Sie fahren einen pragmatischen Kurs?
Klar, wenn Sie was Besseres erreichen wollen, als was wir jetzt haben, ist das der Weg. Das ist eben der Unterschied zwischen realistischer und utopistischer Politik. Die Straße weg haben zu wollen ist ja keine Alternative.
Zum ersten Mal gibt's mit Simone Steffens eine grüne Bürgermeisterin. Rückenwind für grüne Politik?
Ja, darauf sind wir ganz stolz. Und wenn wir in den nächsten vier Jahren in dieser Konstellation vernünftige Politik machen, kann das bei der nächsten Kommunalwahl was bringen, vielleicht mehr Sitze.
Die nächste Wahl findet im Land statt. Ihre Hoffnungen?
Unser Ziel ist eine rot-grüne Koalition und wir kämpfen für eine starke Grünenfraktion.
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