Vollzeitschule als Mittel gegen Ausbildungsplatz-Misere

Dieser Azubi der Firma Borsig hatte es im Wettbewerb um eine Lehrstelle geschafft.
Dieser Azubi der Firma Borsig hatte es im Wettbewerb um eine Lehrstelle geschafft.
Foto: Ruhrkontrast
Was wir bereits wissen
Nicht einmal jeder zweite Bewerber in der Region hat derzeit eine Chance auf eine Lehrstelle. Dem begegnet ein regionales Gremium jetzt mit neuen Angeboten.

Vest..  Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Im Vest stehen für jeden gemeldeten Bewerber nur 0,46 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Zum 1. August soll dieser Mangel durch vier weitere, vollschulische Angebote gemildert werden: Der Bildungsgang „Kaufmann/-frau für Büromanagement“ ist am Berufskolleg Bottrop und am Berufskolleg Castrop-Rauxel geplant. Für die Ausbildung „Fachinformatiker/in“ hat sich das Berufskolleg Ostvest in Datteln beworben. „Mechatroniker/in“ will das Max-Born-Berufskolleg in Recklinghausen anbieten.

Jeder Zweite geht leer aus

Jede der vier Klassen wird mit maximal 30 Schülern besetzt sein. Details sind noch abzuklären, aber die vollzeitschulischen Angebote seien so gut wie bewilligt, sagt Dr. Josef Hülsdünker, Regionsgeschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Der Nachteil einer vollschulischen Berufsausbildung liegt auf der Hand: Den Absolventen fehlt die Praxis. Das schmälert die Chancen, hinterher einen Arbeitsplatz zu finden. Befürworter argumentieren hingegen: Irgendein Angebot muss den Jugendlichen doch gemacht werden.

Industrie- und Handelskammer (IHK) und Kreishandwerkerschaft sind in Bezug auf schulische Berufsausbildung eher skeptisch. Viele Betriebe, heißt es, hätten Schwierigkeiten, ihre Lehrstellen zu besetzen. Im Wettbewerb um die guten Bewerber sieht die Wirtschaft die Berufskollegs als starke Konkurrenz an. DGB-Regiogeschäftsführer Josef Hülsdünker kritisiert indes, „das Lehrstellenangebot geht immer weiter zurück“. Der DGB ist deshalb ein Befürworter schulischer Angebote und zugleich Mitglied in dem Gremium, das über schulische Ausbildungsgänge zu entscheiden hat. Mit am Tisch sitzen außerdem Berufskollegs, Arbeitsagentur, Jobcenter und die Wirtschaftskammern.

Im regionalen Ausbildungskonsens besteht aber Einigkeit darüber, dass nur noch in solchen Berufen Maßnahmen angeboten werden, in denen ein Arbeitskräftebedarf existiert. Die jetzt bewilligten vollzeitschulischen Bildungsgänge erfüllten dieses Kriterium, heißt es. Im Rahmen der Ausbildung sollen die Teilnehmer Praktika absolvieren und betriebliche Arbeitsabläufe kennenlernen. Viele der von den Berufskollegs angebotenen Assistentenausbildungen treffen nach Einschätzung der Konsens-Partner hingegen nicht den Bedarf der Wirtschaft. Sie werden künftig wohl auf den Prüfstand gestellt.