Stinnes ¾ erweckte einst den Stadtteil Brauck zum Leben

Ein Luftbild der Zeche Mathias Stinnes.
Ein Luftbild der Zeche Mathias Stinnes.
Foto: Stadtarchiv
Was wir bereits wissen
Schachtanlage der Mülheimer Familie wurde ab 1902 gebaut. Mit dem Püttkamen Straßen und Wohnungen in den unwirtlichen Teil des Kirchspiels Gladbeck.

Gladbeck.. Als die Ruhrbarone Ende des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach neuen Zechenstandorten waren, machten sie zunächst einen Bogen um Brauck. Doch dann kam die Familie Stinnes und wagte sich auf dieses unwirtliche, sumpfige Terrain, durch das nur einige wenige Furten verliefen, errichtete nach und nach die Zeche Mathias Stinnes 3/4 – und veränderte damit nachhaltig das Leben in dem spärlich besiedelten Teil des Kirchspiels Gladbeck.

Die Mülheimer Familie hatte schon 1864 die tief im Erdinnern lagernden Grubenfelder gekauft und sie unter dem Namen Mathias Stinnes vereinigt – nach dem 1790 bis 1845 lebenden Gründer des Familienunternehmens. Firmenchef war damals Hugo Stinnes. Brauck war zu dieser Zeit noch sumpfiges Bruchgelände, wurde immer wieder von Bächen, die zur Emscher im Süden flossen, überflutet. Selbst ein alter Emscherarm reichte bis in den Waterhuck, in dem sich nur einige Kötter einen spärlichen Lebensunterhalt verdienten.

1902 begann man unter widrigen Bedingungen das Abteufen des Bergwerks – nur 2,5 km entfernt von Stinnes 1/2. Die Braucker Schächte 3 und 4 wurden gleich als Doppelschachtanlage gebaut und untertägig mit Karnap verbunden. Aus Schacht 1 wurde bereits seit 1871, aus Schacht 2 seit 1897 Kohle gefördert. 1905 wurde die erste Kohle aus den neuen Schächten in Brauck gehoben. Gut 400 Kumpel waren zu Beginn auf dem Pütt beschäftigt.

Mit der Zeche kamen erste Straßen und Häuser, die ältesten Häuser an der Roßheidestraße stammen zwar von 1900. Im Braucker Süden entstanden ab 1903 die ersten 52 Bergarbeiterhäuser an Emscher-, Schleusen- und Uferstraße. An der Mathiasstraße kamen Angestelltenwohnungen hinzu. Ab 1914 wurde die Stinneskolonie zwischen Antonius-, Boy- und Roßheidestraße gebaut, die 33 Wohnhäuser mit je zwei Wohnungen für 350 Menschen bot.

Schon 1910 war auf der Braucker Zeche eine Kokerei mit 65 Öfen in Betrieb genommen worden. Mehr als 1400 Kumpel waren auf 3/4 zu diesem Zeitpunkt angelegt, die Förderung von mehren Sohlen aus Tiefen bis zu rund 850 Meter betrug schon mehr als 500 000 Tonnen.

Geschickt nutzte der Pütt die Nebenprodukte der Kokerei: Ammoniak, Teer und Benzol. Auch überschüssiges Kokereigas wurde schnell an eine Ferngasversorgung weitergegeben, später wurde es in den benachbarten Glaswerken verwendet. 1922 erreichte die Belegschaft mit mehr als 3700 Kumpel ihren Höchststand. Die Kumpel förderten in dem Jahr über 800 000 Tonnen Kohle, die Kokerei erzeugte knapp 110 000 Tonnen Koks. Sie hatte erst 1934 ihren Produktions-Höchststand mit über 350 000 Tonnen Koks erreicht..

Immer wieder wurde investiert

Während der Wirtschaftskrise zu Beginn der 30er Jahre ging die Förderung stark zurück, eine Rekordmarke erreichte die Kohleproduktion auf Stinnes 3/4 aber schon wieder im Jahre 1938: 2,5 Mio Tonnen wurden gefördert - Spitzenwert.

Der 2. Weltkrieg brachte der Braucker Zeche teils sehr starke Beschädigungen - ein Großteil der Tagesanlagen war zerstört. Doch schon 1950 war der Pütt soweit wieder hergestellt, dass man die Förderung kontinuierlich steigern konnte. Auch die 80 Öfen der Kokerei waren bereits wieder angeblasen worden.

1952 wurde die Gesamtzeche in die Mathias Stinnes AG umgewandelt. Schon bald machte sich die Kohlekrise bemerkbar. 1958 gab es erste Feierschichten. Das Heil suchte die Zechenführung in einer neuen Landabsatzanlage an der Boystraße zur Verladung der Kohle für die Versorgung der örtlichen Kunden bzw. zur Abgabe von Deputatkohle. Sie galt damals eine einer der modernsten im ganzen Revier.

Das Ende für Stinnes kam 1972

1960 gab es unter Tage umfangreiche Modernisierungen auf Stinnes – neueste Mechanisierungen und Stahlausbau der Strebe. Bis zur 9. Sohle war das Grubenhaus inzwischen ausgeweitet. Rationalisierungen gab es auch auf anderen Gebieten: Hinter dem Betriebsgelände wurde ein riesiger Zentral-Holzplatz errichtet, der alle Stinnes-Schachtanlagen mit Holz versorgte.

Trotz allem: Immer mehr Kohle landete auf Halde. 1965 entschloss sich die Zechenführung, Stinnes 1/2/5 in Karnap zur Großschachtanlage auszubauen. Folge: Die Förderung auf der Braucker Zeche wurde 1967 eingestellt, 3/4 war fortan nur noch Seilfahrtsstandort. Im gleichen Jahr kam die Hiobsbotschaft für die Kokerei: Stilllegung. Knapp ein Jahr später begann der Rückbau der Bergwerksanlagen: Die Transportbrücke, das 1910 errichtete Wahrzeichen der Kokerei, wurde gesprengt. Auch einer der 40 Meter hohen Kohletürme fiel. Es folgten die Stinnes-Wäsche und das Kesselhaus samt der 108-Meter-Kamine.

Da wunderte es kaum noch, dass die Ruhrkohle (seit 1969) 1971 beschloss, Stinnes stillzulegen. Am 20. Dezember 1972 wurde die letzte Stinnes-Kohle zu Tage geholt. Erst zehn Jahre später, die Schächte waren längst verfüllt, fielen die Fördertürme nahe der Roßheidestraße – eine Epoche ging zu Ende.

Teile der Werkstätten wurden noch weiter genutzt, 1979 siedelte die RAG sogar noch ihren Zentral-Elektrobetrieb an der Roßheide an. Das war ein schwacher Trost.