Schulpsychologe - Kinder leiden am selektiven System Schule

Was wir bereits wissen
Arnold Evertz hat 40 Jahre lang Gladbecker Schüler, Lehrer und Eltern bei Problemen beraten und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen gesucht. Eine Erkenntnis des Schulpsychologen, der nun in den Ruhestand gegangen ist: Nicht die Kinder müssten dem System Schule angepasst werden, sondern die Schule ihnen einen ihren Bedürfnissen angemessenen Lernalltag ermöglichen.

Gladbeck..  40 Jahre lang hat sich Arnold Evertz (65) für Gladbecker Schulkinder Zeit genommen und ihnen aus mancher Notlage heraus geholfen. Jetzt hat der Schulpsychologe sich in den Ruhestand verabschiedet. Im WAZ-Interview spricht er über seine langjährigen Erfahrungen und die Notwendigkeit schulpsychologischer Angebote – und über eine Grundvoraussetzung für seine Arbeit: „Man muss Kinder mögen. Ich war immer von Herzen ein Kinderfreund“.

Es heißt oft, die Kinder von heute seien schwieriger. Stimmt das?

Nein, nicht die Kinder sind schwieriger, sondern die Lebensbedingungen, in denen sie aufwachsen. Die Familiensituationen haben sich verändert, die Kinder wachsen in Patchwork- oder Einelternfamilien auf. Und unser Umgang mit der kulturellen Vielfalt schafft ebenfalls Probleme. Aber Kinder werden auch zu schnell etikettiert, gelten als von ADS-betroffen (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), hochbegabt oder verhaltensauffällig. Der Druck, dem sie heute ausgesetzt sind, ist viel größer als früher. Unsere Gesellschaft verhält sich hochselektiv, so ist auch das Schulsystem.

Was müsste sich ändern?

Ich wünsche mir eine Entwicklung der Schullandschaft hin zum längeren gemeinsamen Lernen, eine Schule, in der Vielfalt wertgeschätzt wird. Nicht die Kinder müssen an die Schulen angepasst werden, sondern die Schulen sollten sich fragen, was sie benötigen, um den Schülern in ihrer Unterschiedlichkeit einen angemessenen Lernalltag ermöglichen zu können. Es kostet zurzeit zu viel Aufwand für alle (Kinder, Eltern, Lehrkräfte), um im selektiven System zu bestehen. Dabei entwickeln Eltern oft große Angst, dass ihr Kind scheitern könnte, der Misserfolg des Kindes wird als persönlicher Misserfolg wahrgenommen.

Wann erfolgt eine Anmeldung beim Schulpsychologen?

Oft ist ein Leistungsabfall der Grund, z.B. nach dem Wechsel aufs Gymnasium. Kurz vor Ende der sechsten Klasse nimmt der Druck auf die Kinder zu. Oder eine wichtige Freundschaft geht in die Brüche, oder es geht um Mobbing. Es gibt viele Gründe, warum Kinder sich auffällig verhalten. Mehr als 50 Prozent der Anmeldungen erfolgen im Grundschulalter, was im Sinne der Prävention sehr in unserem Interesse ist. Das Angebot zur Beratung ist grundsätzlich freiwillig und unterliegt der Schweigepflicht.

Was passiert bei einer Beratung?

Meist beginne ich mit einer Beobachtung des Unterrichtsgeschehens. Das ist mein erster diagnostischer Zugang, da gehen mir oft schon „Kronleuchter“ auf, d.h. ich erhalte entscheidende Hinweise, die mein weiteres Vorgehen bestimmen. Dann versuche ich, Lehrer, Eltern und Kind an einen Tisch zu bekommen. Die Kooperation von Eltern und Lehrkräften ist mein Ziel und klappt meist. Ich berate ja nicht nur das Kind, sondern es geht um das Beziehungsgeflecht Kinder - Eltern - Schule. Ich lasse die Beteiligten aus ihrer Sicht erzählen, auch die Kinder. Dabei obliegt es mir häufig, als „Übersetzer“ Verständnis für die Sichtweise der anderen Beteiligten aufzubringen. Am Ende wird das Kind mit seinen Ideen in die Lösung des Problems einbezogen, denn die müssen die Beteiligten eigenverantwortlich finden, mein Angebot ist eine Hilfe zur Selbsthilfe, ich kann nur den Blick erweitern.

Gibt es genug Schulpsychologen?

Bei weitem nicht. Im Kreis Recklinghausen kommen 13 000 Kinder auf einen Psychologen. Notwendig wäre zumindest ein Schlüssel von 5000 Schülern pro Schulpsychologe. Mit der Umsetzung der Inklusion wird es hoffentlich auch für den Kreis Recklinghausen künftig mehr Schulpsychologen geben