Reformbedarf bei der Leichenschau

Es ist eine Urangst der Menschen, lebendig begraben zu werden. Deswegen hat kürzlich der Gelsenkirchener Fall der 92-jährigen Frau so viele berührt. Noch im Pflegeheim wurde die Seniorin für tot erklärt, dann wachte sie beim Bestatter wieder auf, um einen Tag später im Heim zu sterben. Die Ärztekammer räumt Fehler im System ein, fordert Verbesserungen bei der Leichenschau, ruft aber auch die Ärzteschaft auf, mehr Weiterbildungen zu nutzen.

Dr. Hans-Ulrich Foertsch ist Vorsitzender des Verwaltungsbezirks Recklinghausen der Ärztekammer Westfalen-Lippe und zuständig für Gladbeck. Er appelliert an seine Kollegen mit wenig Erfahrung bei der Leichenschau, die von der Ärztekammer angebotenen Weiterbildungen zu nutzen.

Denn auch Kinder- oder Frauenärzte können während ihrer Notdienste in die Situationen gelangen, Leichenschauen durchzuführen. Selbstkritisch fügt Foertsch hinzu, dass seit Anfang 2013 bis heute allerdings nur drei solcher Weiterbildungen durch die Ärztekammer durchgeführt worden seien. „Wir wollen sie häufiger anbieten“, kündigt Dr. Foertsch an. Und es werde überlegt, sie zu zertifizieren und eventuell mit einer Prüfung zu versehen. Ein weiteres Problem sei auch der enorme Zeitdruck, unter dem Mediziner zum Beispiel bei Notdiensten am Wochenende oder in der Nacht stehen. Das Bestattungsgesetz in NRW erfordert, unverzüglich eine Leichenschau durchzuführen, den Toten dabei zu entkleiden und genau zu untersuchen. Denn nur so würden die „sicheren Todessignale“ erkennbar sein. In der Hektik des Einsatzes scheinen sich manchmal Ärzte aber eher auf „unsichere Zeichen des Todes“ wie blasse Haut, Atem- und Herz-Kreislauf-Stillstand oder fehlende Pupillenaktivität zu verlassen. Sichere Hinweise auf den Tod eines Menschen sind dagegen laut Lehrbuch Totenflecken, Totenstarre und Hirntod. Das alles kann allerdings erst nach Stunden sicher festgestellt werden. Hinzu komme, dass der Arzt dem Druck der Familie oder einer Pflegeeinrichtung standhalten müssen, schnell zu einem Totenschein zu kommen.