Realschüler in Gladbeck wählen ihre Mathelehrer selbst

Mathe im Freien mit Försterdreieck: Lehrerin Angelika Ossendorf (Mitte) bevorzugt einen lebensnahen Unterricht.
Mathe im Freien mit Försterdreieck: Lehrerin Angelika Ossendorf (Mitte) bevorzugt einen lebensnahen Unterricht.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Es ist ein Versuch für die neunten Klassen. Und der kommt prima an. Die Jugendlichen bewerten den Unterricht und ihre eigene Leistung.

Gladbeck.. Schulleiter Gerd Weggel spricht von einem aus seiner Sicht „zumindest landesweit einzigartigem Modellversuch“: Die Schüler der neunten Klassen der Erich-Kästner-Realschule (EKR) dürfen seit Schuljahresbeginn ihre Lehrer für den Mathematik-Unterricht selbst wählen.

Ein innovativer Weg der Schülermitbeteiligung, der sicherlich dazu beigetragen hat, dass die Gladbecker Bildungseinrichtung Zusatzpunkte bei der Jury im Rennen um den Deutschen Schulpreis 2015 gesammelt hat. „Unsere Idee war es, die Schüler mit dem Modell anzuhalten, ihren eigenen Lernprozess mitzubestimmen“, erklärt Weggel.

Für die insgesamt 97 Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen, die im Klassenverband unterrichtet wurden, richtete die Schule fünf wählbare Mathe-Lerngruppen mit jeweils unterschiedlichem Lehrer ein. Sobald ein Themenfeld beendet ist, bewerten die Schüler den Unterricht, aber auch ihre eigene Leistung. Quartalsweise haben sie dann auch die Möglichkeit, den Lehrer oder die Lehrerin mit Begründung zu wechseln.

Wechsel werden weniger

Klar habe es am Anfang bei der Wahl auch beliebtere oder weniger beliebte Mathelehrer gegeben, sagt Schülerin Irem. Mittlerweile habe sich das aber ziemlich ausgeglichen und immer weniger Wechsel fänden statt, da der ein oder andere Schüler auch mal bewusst den vermeintlich strengeren Lehrer gewählt habe „und gemerkt hat, dass er da selbst am Besten zurecht kommt“. Nicht nur die 15-Jährige zieht so ein positives Fazit, „man hat das Gefühl, dass die Lehrer noch mehr bemüht sind, das Beste aus einem rauszuholen“.

"In der letzten Mathearbeit habe ich eine Eins geschrieben"

Er habe den Stoff sofort besser verstanden, bestätigt Mitschüler Koray. „Vorher habe ich immer ausreichend gestanden und jetzt in der letzten Mathearbeit eine Eins geschrieben“.

Kein Einzelfall. Die Zwischenauswertung des Projekts belegt, dass rund 60 Prozent der Schüler ihre Leistung um eine (42 %) und sogar bis zu drei Noten verbessern konnten. Bei 31 Prozent blieb die Mathenote gleich und nur vier Schüler schnitten schlechter ab, als zuvor . Ein Vorteil sei sicher auch, dass die Aufteilung auf fünf Kollegen kleinere Lerngruppen von jeweils knapp 20 Schülern ermögliche, „so dass wir mehr Zeit haben, uns um jeden Einzelnen zu kümmern“, sagt Pädagogin Angelika Ossendorf. Auch untereinander stimme man mit den Kollegen die Lernfelder jetzt besser ab. Die Gesamtmotivation sei eine völlig andere, so dass allen der Unterricht mehr Spaß mache.

Ein Neustart ist möglich

Für die Mathematiklehrer war es ein überraschendes Ergebnis, dass einige Schülerinnen oder Schüler, die als Klassenkasper oder Querulant verschrien waren, plötzlich wie ausgewechselt und leistungsstark am Unterricht teilnehmen. Sie konnten aus ihrem altem Rollenbild heraustreten und sich neu bewähren.

"Man kann entscheiden, ob man sich in der Gruppe wohlfühlt"

In ihren Bewertungsbögen haben das viele Schüler selbst beschrieben, „man kommt aus seiner alten Rolle im Klassenverband heraus und kann neu anfangen“ und „man kann sich entscheiden, ob man sich in der Gruppe wohlfühlt“. Insgesamt bewerteten fas 85 Prozent das Projekt als positiv (10 % keine Angaben) und lobten auch „man kann andere Lehrer-Methoden kennenlernen und seine Fähigkeiten testen“ oder „ich arbeite viel selbstständiger und mehr mit“.

Das positive Ergebnis führe dazu, sagt Rektor Weggel, „dass wir die Lehrer-Wahlmöglichkeit gerne auf die Hauptfächer Deutsch und Englisch ausdehnen wollen“.