Neue Sammlung früher Werke von Sigismund von Radecki

Sigismund von Radecki wurde 1891 in Riga geboren, er starb 1970 in Gladbeck.
Sigismund von Radecki wurde 1891 in Riga geboren, er starb 1970 in Gladbeck.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
„Die Stimme der Straße“. Gastbeitrag vom Leiter des Literaturbüros Ruhr, Gerd Herholz, über die Wiederentdeckung funkelnder Kurzprosa.

Gladbeck..  Uneigennützig hat Ruth Weilandt-Matthaeus, einst Reisebüro-Inhaberin in Gladbeck, bis zu ihrem Tode klug den Nachlass des Autors Sigismund von Radeckis gesichert. Immer wieder gelang es ihr, dessen Texte in den Satire-Sammlungen größerer Verlage zu platzieren.

Gemeinsam mit dem Literaturbüro Ruhr sorgte sie auch dafür, dass Radeckis Nachlass rechtzeitig an das Westfälische Literaturarchiv in Münster ging. Doch erst seit Ende 2014 können Leserinnen und Leser endlich wieder eine Sammlung der frühen Feuilletons von Radecki käuflich erwerben, überwiegend entstanden zwischen 1928 und 1938: „Die Stimme der Straße“.

Der Herausgeber Hans Dieter Schäfer beschließt sein Nachwort „Expeditionen in ein unbekanntes Leben“ mit dem Satz, hier sei „ein Schriftsteller von europäischem Rang wiederzuentdecken“. Ein Befund, der auch dann vollkommen zutreffend bleibt, wenn man kleinere Schwächen in einigen Texten nicht übersehen will. Radecki, der nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem als Humorist galt, erzielte mit dem „ABC des Lachens“ (Rowohlt Verlag, 1953) einen dauerhaften Verkaufserfolg, seine Erzählungen und Satiren fanden Eingang in die Schulbücher der Nachkriegsjahre.

Beeindruckende Stadtporträts aus Berlin, Paris, Neapel

Schäfer versah seinen Radecki-Band mit dem Untertitel „Feuilletons“, was nichts anderes meint, als dass hier einer sehr persönlich und stilvoll von den Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten des Lebens erzählt. Tatsächlich enthält „Die Stimme der Straße“ aber auch mehr und anderes. Radecki liefert beeindruckende Städteporträts aus Berlin, Paris, St. Petersburg oder Neapel, daneben literarische Notizen aus der Provinz, Kindheits- und Jugenderinnerungen.

Ergänzt wird dies alles durch Übersetzungen russischer Sprichwörter und Redensarten und ein Selbstporträt des Schriftstellers als Tausendsassa. Radecki arbeitete als Student einer Bergakademie in der „Kohlenhölle“ des Aachener Reviers, als Bewässerungsingenieur lebte er in Turkestan, er übersetzte Čechov und Gogol ins Deutsche, zeichnete, schauspielerte, lebte lange in einer Züricher Pension, wenn er nicht auf Vortragsreise war.

„Rot- und blauglühende Höllenflüsse“

Als Kind seiner Zeit orientiert sich Radecki zunächst am Expressionismus, an dessen Großstadtvokabular und übersteigerter Nervosität. Und da geht es einfach nicht ohne die „rot- und blauglühenden Höllenflüsse des Asphaltspiegels“, hastende Menschen leuchten vom elektrischen Licht selbst wie elektrisiert. Die Stadt wird zum Moloch, zum Tier, zur lärmenden Maschine.

Viel lebendiger schreibt Radecki jedoch da, wo er sich den Menschen zuwendet, ihrem Leben en détail, aber auch seinen eigenen Lieblingsorten wie etwa dem Tiergarten oder dem Kino. In diesen Texten wird der hochgebildete und weit gereiste Radecki zum leisen Ironiker und Philosophen. Warmherziger Humor schwingt immer mit, aber auch jene heitere Verlassenheit eines Außenseiters, dem nichts Menschliches fremd ist: „Bei Stille still zu sein, ist keine Kunst, doch bei alledem still zu bleiben, das erfordert Charakter, und mein Zimmer hat ihn. Es läßt alle Geräusche der Welt durch, aber nicht ein. Es ist ‚von Lärm umfriedet‘ (…).“

Das Literaturbüro Ruhr wird in seiner Herbstreihe „ruhrSpott“ Radecki vorstellen, vorgetragen vom Schauspieler-Ehepaar Christine Sommer und Martin Brambach.