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Reformhaus Lenz

Nach 100 Jahren endet die Ära Lenz

13.02.2012 | 19:57 Uhr
Nach 100 Jahren endet die Ära Lenz
Fröhliche Mienen beim Fototermin vor dem Reformhaus: (v.l.) Hartmut Friedrich, die neue Filialleiterin Elke Hindersmann, Elisabeth Friedrich und Jürgen Gruschka, Geschäftsführer des Reformhaus-Betriebs Goll. Foto: Olaf Fuhrmann / WAZ FotoPool

Gladbeck.   Gladbeck.Familie Friedrich gibt das Reformhaus-Geschäft an einen anderen Familienbetrieb ab. Filialist Goll übernimmt am 1. März.

100 Jahre Familienbetrieb, die streicht man nicht mit einem Federstrich aus seinem Leben. Vor allem nicht, wenn man wie Elisabeth Friedrich (64), selbst fast 50 Jahre in eben diesem Familiengeschäft gearbeitet hat. Lenz, das ist seit einem Jahrhundert in Gladbeck eine Hausnummer für gesunde Lebensmittel und ebensolche Lebenseinstellung. Und so macht die Enkelin des Gründers Johann Lenz den Strich unter diese Familiengeschichte mit etwas Wehmut, aber auch mit dem gutem Gefühl, dass das Geschäft ja bestehen bleibt. Das Reformhaus Lenz, in dem die Gladbecker schon ihre ersten Müslis und Vollkornbrote kauften, als noch niemand von „bio“ redete, bekommt nur einen anderen Namen. „Aus Lenz wird Goll“, heißt es ab 1. März in der Horster Straße 22. Der Gladbecker Familienbetrieb geht samt aller Mitarbeiter an einen anderen aus Mönchengladbach, der ebenfalls in dritter Generation geführt wird, mit der Gladbecker Filiale jedoch die erste im Ruhrgebiet eröffnet und damit das Filial-Dutzend voll macht.

Diese geglückte Nachfolgeregelung zeigt: Die Branche der gesunden Lebensmittel boomt. Und ein Ende scheint nicht in Sicht: „Jeder neue Lebensmittelskandal bringt uns mehr Umsatz“, sagt Hartmut Friedrich. Sieben Prozent plus brachten allein die Dioxin-Eier im letzten Jahr.

Opa Lenz würde das sicherlich freuen. Denn diese Entwicklung steht für die Philosophie, aus der heraus er vor 100 Jahren sein Lebensmittelgeschäft nach und nach zum „Reformhaus“ umwandelte. Johann Lenz war ein überzeugter Lebensreformer, dem wie vielen Anhängern dieser Bewegung um die Jahrhundertwende die damals begonnene industrielle Fertigung von Lebensmitteln ein Gräuel war. Sie setzten sich dafür ein, Lebensmittel so natürlich wie möglich zu belassen, verbanden ihre Auffassung mit ethischen und sozialen Idealen und dem ganzheitlichen Denken gesunden Lebens. „Das gilt bis heute“, sagt Enkelin Elisabeth. Lebensreformer wie Johann Lenz haben mit ihrer Philosophie nicht nur ihr Geschäft gemacht, sondern sie auch gelebt.

Genossenschaft
1400 Reformhäuser

Die 1400 deutschen Reformhäusler sind in einer Genossenschaft zusammen geschlossen, sie garantieren mit einem eigenen Qualitätslabor für die Qualität ihrer Produkte, Gütesiegel sind die Neuform-Richtlinien, an die sich jedes Genossenschaftsmitglied hält. Nachfolger Goll wird weitestgehend die gleichen Produkte wie Lenz anbieten. Für Geschäftsführer Jürgen Gruschka ist Gladbeck ein idealer Standort, die Gladbecker Filiale ist die größte in seinem Dutzend.

In Gladbeck tat die Familie Lenz das 96 Jahre lang an der ehemaligen Roonstraße, die später Goethestraße hieß und schließlich zum Goetheplatz wurde. Das Geschäft mit gesunden Lebensmitteln und Naturheilkunde überstand zwei Kriege und die schwere Nachkriegszeit, Tochter Elisabeth Lenz führte den Laden des Vaters in den 50er Jahren weiter, ihre Tochter Elisabeth, die Enkelin des Gründers, übernahm es danach. Sie hat fast ihr ganzes Leben mit dem Reformhaus und in dem Haus am Goetheplatz verbracht.

Erst vor vier Jahren verließen sie und Ehemann Hartmut den kleinen, engen Laden am Goetheplatz und eröffneten neu an der Horster Straße 22. Reformhausprodukte auf 280 Quadratmetern, fast schon wie ein kleiner Supermarkt -- das war mutig, entspricht aber dem veränderten Image der Branche und „hat am Standort Horster Straße auch funktioniert“, weiß Hartmut Friedrich. So wie sich das Image der Reformhäuser vom grauen Refugium fader Naturkost zum angesagten Biolebensmittelhändler gewandelt hat, hat sich auch die Kundschaft in den letzten Jahrzehnten verändert. „Es ist schon lange nicht mehr nur das gut verdienende Bildungsbürgertum, das hier einkauft“, sagt Elisabeth Friedrich. Die Kundschaft sei ein breiter Querschnitt der Bevölkerung, junge Mütter kaufen Dinkelstangen und Vollkornbrot für ihre Kinder, immer mehr Zuwanderer entdecken den Laden als Garant für naturreine Lebensmittel. Die Philosophie von Opa Lenz, sie hat Erfolg.

Maria Lüning

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Kommentare
14.02.2012
08:26
Nach 100 Jahren endet die Ära für Lenz
von Der-Einmischer | #1

Schön, wenn es solche Lösungen gibt.

Viel Erfolg...

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