Moltke 3/4 galt einst als Muster-Schachtanlage

So sah die ab 1900 abgeteufte Schachtanlage Graf Moltke 3 /4 im Jahr 1926 mit Blick aus Südosten aus.
So sah die ab 1900 abgeteufte Schachtanlage Graf Moltke 3 /4 im Jahr 1926 mit Blick aus Südosten aus.
Foto: Stadtarchiv
Was wir bereits wissen
Bis zu 4400 Kumpel malochten auf Graf Moltke. In die Zeche, die 100 Jahre alt wurde, Immer wieder wurde kräftig investiert – 1971 war Schluss.

Gladbeck..  Felder, Wiesen, ein paar Höfe und Kötter – mehr gab es nicht, als die neuen Eigentümer des Bergwerkes Graf Moltke (seit 1899) im Jahr 1900 auf der Schwelle zwischen Butendorf und Brauck mit dem Abteufen eines dritten Schachtes begannen. Vorrangig und zunächst ging es um eine bessere Bewetterung von Moltke 1/2, die neuen Besitzer planten aber gleich auch eine zweite Doppelschachtanlage, um die Förderung entscheidend zu steigern.

1900 schürften auf Moltke 2225 Kumpel gut 615 000 Tonnen „Schwarzes Gold“. Die Aktiengesellschaft Steinkohlenbergwerk Nordstern (die die Gewerkschaft Graf Moltke übernommen hatte) peilte eine schnelle Steigerung der Förderung auf mehr als 900 000 Tonnen an. Am 28. Mai 1900 fand der erste Spatenstich für die neue Schachtanlage statt – etwa 1,5 Kilometer südwestlich vom alten Pütt.

Mit Schacht 3 entstanden bis Frühjahr 1902 gleichzeitig eine Verladehalle und Sieberei, zwei Fördermaschinen, ein Kesselhaus, ein Zentralmaschinenhaus (mit neuesten Maschinen für Licht- und Kraftzwecke), Werkstätten und eine Kaue für 2500 Mann Belegschaft. Am 1. April 1902 begann die Förderung. Die Kohlenzüge fuhren – wie die von der Schachtanlage Moltke 1/2 – Richtung Süden zum Bahnhof Horst-Nord und später (ab 1914) weiter zum Nordstern-Hafen am Kanal. Zur gleichen Zeit schuf die Beergwerksgesellschaft Straßen-Anbindungen und baute Bergmannswohnungen: Die Helmutstraße führte vom Zechentor schnurstracks auf die Landstraße zu, die Gladbeck mit Horst verband. Auch die Phönixstraße führte (von Norden) schnurgerade auf den Pütt zu und bot sowohl Kumpeln als auch Steigern sowie Zechenbeamten und ihren Familien Wohnquartiere.

Schon im Juni 1902 begann man nur 47 Meter von Schacht 3i entfernt mit dem Abteufen von Schacht 4, 1904 wurde die 3. Sohle in 536 Meter Teufe gesetzt. Im gleichen Jahr wuchsen die Tagesanlagen um eine Kokerei mit 80 Öfen – Graf Moltke galt damals als Musterbergwerk und nahm einen gewaltigen Aufschwung.

1906 wurden über 1,1 Mio t Kohle gefördert. Die Belegschaft (mit Moltke 1/2) hatte die 3000er Marke überschritten – Zeit, „Kohle“ zu machen: Am 1. Januar 1907 ging die Nordstern AG in den Besitz der Phönix AG in Dortmund über. Die investierte: Nicht nur in zwei weitere Sohlen in 636 und 738 Meter Teufet, sondern auch in erweiterte Tagesanlagen. Sogar eine neue Kokerei ging 1913 in Betrieb. Moltke zählte vor Kriegsbeginn mehr als 4400 Kumpel – lange spitze. 1926 kam es abermals zu einem Besitzerwechsel: Die Phönix AG ging an die Vereinigte Stahlwerke AG in Düsseldorf. 3253 Mann förderten damals 1,26 Mio t Kohle.

30er Jahre brachte den Moltkeranern viele Probleme

Mit den neuen Eigentümern änderte sich vieles: Um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen, wurde 1928 beschlossen, Moltke 3/4, wo die größeren Kohlenvorräte lagen, zur Großschachtanlage auszubauen. Die 4. Sohle wurde zur Hauptfördersohle, die 3. zur Wettersohle.

Mit Start der Zentralkokerei auf Nordstern war 1930 Schluss mit der Kokerei auf Moltke, und 1932 wurde die Förderung auf Moltke 1/2 eingestellt. Der einstige erste Pütt Gladbecks war fortan nur noch Seilfahrtsstandort und diente der Bewetterung. Zu Beginn der Wirtschaftskrise erreichte die Förderung 1929 mit 1,46 Mio t noch einmal einen Höchststand. 3660 Kumpel waren auf Moltke angelegt. Gladbeck mit inzwischen fünf Schachtanlagen zählte 60 000 Einwohner.

Bis Anfang der 30er Jahre sank die Förderung in Folge der Krise um ein Viertel, viele Bergleute verloren ihren Job. 1932 hatte Moltke nur noch 1062 Bergleute, die Förderung war auf 526 000 t geschrumpft. In Folge der Krise wurde 1934 die Gelsenkirchener BergwerksAG gegründet, in die Moltke integriert wurde.

Der 2. Weltkrieg verlief für die Moltke-Schächte recht glimpflich, die Förderung konnte lange aufrecht erhalten, Schäden schnell behoben werden. In der Nachkriegszeit nahm die Mechanisierung ihren Lauf: Der letzte Streb in steiler Lagerung, in dem noch mit Abbauhämmern gearbeitet wurde, war Mitte der 60er Jahre ausgeraubt. Die Produktivitätssteigerung half der Zeche Moltke, die Kohlekrisen der 50er und 60er Jahre noch zu überstehen. Dennoch: Teile der Produktion landeten schon auf Kohlehalden.

Am 12. November 1971 wurde die letzte Kohle gefördert

1959 arbeiteten auf dem Pütt 3300 Menschen. Mit einer Förderung von 3067 Kilo pro Mann und Schicht durchbrach die Zeche 1965 noch eine gefeierte Schallmauer. Sie sollte – trotz Gründung der Ruhrkohle AG und abgesprochener Reduzierung der Gesamtförderung – nicht die letzte sein. Graf Moltke kam mit anderen verbliebenen Zechen in die RAG-Tochter Gelsenkirchener Bergbau AG.

Moltke war das kleinste Bergwerk der GBAG, schaffte 1970 eine Tagesförderung von 4500 Tonnen und hatte eine Jahresleistung von 1,25 Mio t Kohle, trotz RAG-Förderpolitik. Allerdings nutzte das nicht viel: Bald machten Gerüchte um eine Stilllegung die Runde, sie wurden im August 1970 von der RAG bestätigt. Die Belegschaft zählte noch 2000 Mann.

Grund für die Stilllegung: Die benachbarte, ertragsreichere Schachtanlage Hugo in Buer sollte auf eine Förderkapazität von 14 000 Tagestonnen ausgebaut werden. Moltke, das nur über geringe Kohlevorräte verfügte, sollte auslaufen. Ein Weiterabteufen auf 1200 Meter sei zu kostenintensiv, hieß es. Am 12. November 1971 des Jahres wurde der letzte Kohlenwagen zu Tage geholt. Die Moltkeraner wurden schwerpunktmäßig nach Hugo verlegt. Damit endete die Geschichte des Bergwerks Moltke genau 100 Jahre nach den ersten Probebohrungen. Das Grubenfeld wurde den benachbarten Zechen zugewiesen, die Tagesanlagen 1972 abgerissen, die Schächte verfüllt.