„Kritik für offenkundige Wahrheiten“
09.11.2010 | 19:53 Uhr 2010-11-09T19:53:00+0100
Gladbeck.Trauern, erinnern, mahnen – das gehört seit 22 Jahren in Gladbeck zu jedem 9. November. Zum 72. Mal jährte sich jetzt das Datum der Reichspogromnacht.
Es war die Nacht, in der die Nationalsozialisten auch in Gladbeck jüdische Bürger aus den Betten rissen, ihnen die Fenster einschlugen, ihre Möbel auf die Straße warfen, sie im Polizeiamt einkerkerten.
„Die Ereignisse des 9. November 1938 und alle anderen Maßnahmen gegen Juden in Gladbeck geschahen unter den Augen der Gladbecker Bevölkerung und mit ihrer Beteiligung“, sagte Bürgermeister Ulrich Roland bei der Gedenkfeier an der Stele am Mahnmal in Wittringen. „Bedroht, entrechtet, missachtet und gequält wurden Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, die bis 1933 keineswegs Außenseiter, sondern anerkannte, zum Teil beliebte Mitglieder aus der Mitte der Gesellschaft waren. Ich sage dies sehr bewusst genau so, wie dies der Bürgermeister der Stadt Gladbeck seit 1988 immer gesagt hat“, so Roland vor den Gästen, zu denen auch die Gladbeckerin Judith Neuwald-Tasbach zählte, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.
Man habe sich verabredet, den Kontakt zwischen Stadt und Gemeinde zu intensivieren und darauf freue er sich, meinte der erste Bürger Gladbecks mit optimistischem Blick in eine bessere Zukunft. In der Gegenwart sieht er indes noch genügend Zeichen, die solche Signale auch notwendig werden lassen: „Für mich ist es beschämend, um nicht zu sagen beängstigend, wenn Bundespräsident Christian Wulff von Menschen, die ihm politisch nahe stehen, massiv dafür kritisiert wird, wenn er einfache, offenkundige Wahrheiten sagt“, so Roland mit Blick auf die Schelte, die Wulff für seine Aussage kassierte, auch der Islam gehöre inzwischen zu Deutschland.
Das Programm des Kulturhauptstadt-Jahres, die Ausstellungen in der Neuen Galerie, der 2010-Füßler als kultureller Beitrag Gladbecks zu einem Ereignis „deutscher“ Kultur – vor 72 Jahren wäre das undenkbar gewesen, sagte der Erste Beigeordnete Rainer Weichelt. Der schlug als Geschäftsführer des Vereins „Freunde der Städtischen Galerie Gladbeck“ den Bogen von der „kulturellen Barbarei“ der NS-Zeit zum Hier und Jetzt. „Dinge und Sichtweisen sind veränderbar“, so Weichelt. „Man kann Vorhandenes auch in andere Zusammenhänge stellen.“ So wie dieses Denkmal, das sich mit der Stele und dem Gedenkzeichen für Deserteure vom antifranzösischen Denkmal zum Mahnmal gewandelt habe. „Freiheit heißt der Himmel, unter dem Kultur entstehen kann“, schloss Weichelt.
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