Konzertgenuss - Stunde geistlicher Erbauung in St. Lamberti

Festlich und eindrucksvoll: Palmsonntagkonzert mit dem Gelsenkirchener Bach-Chor in St. Lamberti.
Festlich und eindrucksvoll: Palmsonntagkonzert mit dem Gelsenkirchener Bach-Chor in St. Lamberti.
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Was wir bereits wissen
Über 100 Zuhörer wurden in spirituelle Dimensionen katapultiert - Konzertgenuss in der St.-Lamberti-Kirche.

Gladbeck..  Der Duft von Weihrauch aus der Palmsonntagsmesse liegt noch in der Luft, als am Nachmittag 19 Stimmen des Gelsenkirchener Bach-Chores in St. Lamberti die Klagemotette „Tristis est anima mea“ von Johann Kuhnau anstimmen.

„Eine Stunde geistlicher Erbauung“ verspricht Kantor Konrad Suttmeyer eingangs, und wirklich, die weit über 100 Zuhörer werden in eine spirituelle Dimension katapultiert, die der vorösterlichen Zeit entspricht. Sechstimmig verschachtelt erklingt das barocke „Cruxifixus“ von Antonio Lotti – leise erhebt sich der Sopran von links, der Alt von rechts – die fein intonierten Stimmen verschmelzen mit Tenor und Bass und füllen das Kirchenschiff mit dem Schmerz Jesu am Kreuze.

Durch eine Auffächerung in acht Stimmen wird die Klage eindringlicher, wie ein nicht enden wollendes Band zieht sich das melancholische Thema durch den Raum. Die im Programm angekündigte 10-stimmige Fassung kann aufgrund der Erkrankung einiger Ensemble-Mitglieder nicht ausgeführt worden. Stattdessen präsentiert Lothar Trawny mit seinem Bach-Chor „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Rudolf Mauersberger.

Die Noten zum Text, den Klageliedern Jeremias angelehnt, angesichts der Zerstörung Dresdens 1945 komponiert, gehen durch Mark und Bein. Das Elend, die Steine der Zerstörung, das alles interpretieren die Sänger erstklassig. Es ist eine gedämpfte Version, Trawny verzichtet auf emphatisch-akzentuierte Aufschreie der Männerstimmen beim „Warum, warum“. Seine Lesart der Motette ist eine ruhige, die Stille des Leids ins Zentrum rückende.

„Agnus Dei“ von Samuel Barber beschließt den KonzeNachmittag

Der volle Klangkörper der Kirchenmusik der Romantik kommt mit drei Werken von Anton Bruckner zum Tragen. Besonders zart „Locus iste“, dieser Ort, von Gott geschaffen. Das „unschätzbare“ Geheimnis, ausgedrückt in chromatischen Abwärtsleitern, erfordert höchste Präzision der Tonfindung. Wie auch die auserlesenen modernen Kompositionen im letzten Teil des Konzertes. „Northern Lights“ des jungen Norwegers Ola Gjeilo betört durch sphärische Akzente. Zu dem lateinischen Text aus dem Hohelied Salomos formen sich einzigartige Klangbilder, die mit einer mysteriösen Reinheit wie die „Aurea Borealis“ am Himmel schweben.

Mit dem „Agnus Dei“ von Samuel Barber beschließt das komplexeste Stück den Nachmittag. Energische Wechsel, punktgenaue Synkopen, das alles zieht Lothar Trawny auch nach bereits 50-minüter Anstrengung spielerisch heraus. „Besinnung, nicht künstlerische Leistung“ stehe im Mittelpunkt des Chorkonzertes, sagte Suttmeyer zu Beginn. Doch nur durch hervorragende Stimmen wie die des Bach-Chores kann solch ein niveauvolles Programm überhaupt funktionieren. Das wissen die Gäste in St. Lamberti, die viel Beifall spendeten.