Kind aus Gladbeck seit mehr als vier Jahren im Ausland

Im Internet sind Berichte abzurufen, die Aufnahmen vom kritisierten Neustart-Heim in Ungarn zeigen, in dem Gladbecker Kinder untergebracht waren.
Im Internet sind Berichte abzurufen, die Aufnahmen vom kritisierten Neustart-Heim in Ungarn zeigen, in dem Gladbecker Kinder untergebracht waren.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Das Jugendamt leitete die Maßnahme in Rumänien ein, als das Kind 12 Jahre alt war. Die Eltern beklagen, dass so eine unnötige Entfremdung stattfand.

Gladbeck.. Die kritischen Berichte zur Unterbringung von Heimkindern im Ausland werfen auch für Gladbeck weitere Fragen nach der Qualität der Betreuungsmaßnahmen auf. Eine dem WDR zugespielte Mail, die offenbar der suspendierte Leiter des Jugendamtes Gelsenkirchen Mitte 2005 an das ungarische Heim geschickt hat, scheint jetzt die Aussagen eines ehemaligen Gladbecker Heimkindes sowie eines ungarischen Betreuers zu bestätigen.

Sie hatten geäußert, dass in dem ungarischen Neustart-Heim, dem Kooperationspartner des Gelsenkirchener St. Josef-Kinderheims, kein ordentliches Betreuungskonzept gab. Fünf Gladbecker Jugendliche waren dort von 2005 bis 2008 untergebracht.

Jugendamt Starke Bedenken gegenüber der intensivpädagogischen Auslandsmaßnahme in Rumänien, in der ihr Kind seit mehr als vier Jahren untergebracht ist, hat jetzt ein Gladbecker Ehepaar gegenüber der WAZ geäußert.

"Da in Deutschland wohl kein Heimplatz frei gewesen ist"

Nach einem schwerwiegenden Vorfall hatten die offensichtlich überforderten Eltern der Unterbringung ihres Kindes im Ausland zugestimmt, „da in Deutschland wohl kein Heimplatz frei gewesen ist“. Dies regelt das Kinder- und Jugendhilfegesetz, wonach Hilfe zur Erziehung in der Regel im Inland zu erbringen ist. Sie darf nur dann im Ausland erbracht werden, wenn dies zur Erreichung des Hilfezieles im Einzelfall erforderlich ist. „Wir sind davon ausgegangen, dass das zeitlich genau befristet ist und unser Kind nach Deutschland zurück kommt, sobald sich sein Zustand stabilisiert hat“, sagen die Eltern.

Mit zwölf Jahren ins Ausland

Im Alter von zwölf Jahren sei ihr Kind 2011 über den Kooperationspartner des Jugendamtes, Ceres e.V., in einer rumänischen Gastfamilie in einem Dorf untergebracht

worden, wobei wohl die Mitarbeiter des Trägers, „aber keiner der Gasteltern eine besondere pädagogische Qualifikation hat“. Mittlerweile sei der Junge 16 Jahre alt „und soll seinen Schulabschluss in Rumänien machen, der hier doch nicht mit gleicher Qualifikation anerkannt wird“. Auch über ein anschließendes Studium in Rumänien sei bereits nachgedacht worden.

"Er spricht jetzt besser rumänisch als deutsch"

Die Eltern beklagen, dass ihr Sohn eine rumänische Regelschule besuche und nur einmal pro Woche eine Stunde via Internet Deutschunterricht erhalte. „Er spricht jetzt besser rumänisch als deutsch und hat die deutsche Schriftsprache fast völlig verlernt.“ Spätestens nach zwei Jahren sei ihr Kind so stabilisiert gewesen, dass eine Rückführung ins deutsche Betreuungssystem hätte erfolgen müssen, sagen die Eltern. Auch wenn das Gladbecker Jugendamt über regelmäßige Kontakte in die Betreuung eingebunden sei, könne es doch nicht sein, dass die grundsätzliche Erziehungshilfe dauerhaft ins Ausland abgeschoben werde „und sich unser Kind so von uns Eltern und seiner Heimat Deutschland immer mehr entfremdet“.

Jugendamt: Fundiertes Konzept ist wichtig

Die Leiterin des Gladbecker Jugendamtes, Agnes Stappert, sagt, dass im Rahmen der Hilfeplanung für eine individualpädagogische Maßnahme im Ausland ein fundiertes Konzept mit Begleitung durch Fackkräfte wie Psychologen und Ärzte ein wichtiges Kriterium sei.

Eine 1:1 Betreuung vor Ort bedeute, dass für einen Jugendlichen eine Fachkraft vorhanden ist.

Die Maßnahmen-Träger im Ausland sollten die Kriterien erfüllen, die für die deutschen Einrichtungen vorgeschrieben sind. Dies sei aktuell nicht gesichert, so Stappert, und Grund dafür, dass das Jugendamt in den letzten 6-7 Jahren nahezu ausnahmslos die Projektstellen vor Ort ein- bis zweimal jährlich besuche.

Der Schulunterricht im Ausland, der keine landessprachliche Kenntnis voraussetzt, sei meistens sehr schnell in den Regelschulen möglich. Um den Anschluss an das deutsche Bildungssystem zu gewährleisten, werde ergänzender Unterricht durch „Web-Schulen“ gewährt. Zusätzliche Förderung sei durch Nachhilfe möglich.

Jugendliche würden in der Regel ab 14 Jahren in Auslandsprojekte vermittelt. Die Dauer richte sich nach individuellen Bedürfnissen und der besonderen Lebenslage der Jugendlichen. Die Rückführung erfolge in eine Heimgruppe, betreutes Wohnen oder zu den Eltern.