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Altenpflege

"Keine Zeit zum Protestieren"

13.07.2009 | 17:43 Uhr

Wenig Personal, ein knappes Zeitbudget: Über die Probleme in der Altenpflege spricht Caritas-Geschäftsbereichsleiter Roberto Giavarra im WAZ-Interview.

Die Hände fest auf der Schulter des Vordermanns klammern sie sich ängstlich aneinander. Dann geht es los, die Seniorenpolonäse setzt sich in Bewegung. Rollstuhl an Rollstuhl düsen die alten Menschen über den gefliesten Heimflur. Am Ende der Kette ein Pfleger, der seine ganze Kraft aufwenden muss, um das Vierergespann in Bewegung zu setzen. Denn für Einzelfahrten fehlt die Zeit . . .

Ganz so schlimm ist sie noch nicht, die Lage in deutschen Seniorenheimen. Doch das schockierende Plakat zum „Aktionstag Altenhilfe” macht deutlich: Personalmangel und ein knappes Zeitbudget bestimmen schon jetzt den Heimalltag – Probleme mit denen auch das Johannes-van-Acken-Haus kämpft, wie Volontärin Anne Wiegel im Gespräch mit Roberto Giavarra, Geschäftsbereichsleiter der Senioren- und Pflegedienste der Caritas Gladbeck, erfuhr.

Herr Giavarra, bundesweit sind die Mitarbeiter katholischer Seniorenheime gestern auf die Barrikaden gegangen – Sie auch?

Caritas-Geschäftsbereichsleiter Roberto Giavarra. Foto: Birgit Schweizer/waz

Roberto Giavarra: Nein, denn meine Mitarbeiter und ich, wir haben gar keine Zeit zum Protestieren. Natürlich würden wir gern streiken, aber wir müssen in erster Linie an unsere Bewohner denken, die uns täglich brauchen. Dennoch ist es sinnvoll, durch derartige Aktionen auf die problematische Situation im Bereich der Altenpflege aufmerksam zu machen. Es ist vor allem der Bürokratieaufwand, der nicht nur nervt, sondern auch kaum noch zu bewältigen ist. Immer wieder werden neue Auflagen geschaffen, ohne jedoch den Personalschlüssel zu erhöhen.

Pflegekräfte beklagen häufig, dass ihnen aufgrund des Personalmangels die Zeit fehlt, sich angemessen um die ihnen anvertrauten Bewohner zu kümmern. Wie ist die Situation im Johannes-van-Acken-Haus?

Giavarra: Für jede Pflegestufe ist ein bestimmtes Zeitbudget gesetzlich vorgeschrieben. Im Johannes-van-Acken-Haus beschäftigen wir gemäß diesen Vorgaben 31,5 Pflegekräfte, die unsere 80 Bewohner rund um die Uhr versorgen müssen. Natürlich ist das zu wenig. Doch wenn wir weiter wirtschaftlich arbeiten und keine roten Zahlen schreiben wollen, können wir uns kein weiteres Personal leisten.

Hohe Belastung, wenig Anerkennung –viele Altenpfleger sind mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden. Ist es schwer, geeignete Mitarbeiter zu finden?

Info
Jetzt schlägt's 13

Unter dem Motto „Jetzt schlägt's 13” startete der „Verband katholischer Altenhilfe in Deutschland” gestern bundesweit Aktionen, um gegen „gravierende Fehlentwicklungen in der Sozialpolitik” zu protestieren. Der Blick der Öffentlichkeit sollte für einen Tag gezielt auf die Seniorenheime gelenkt werden, um die Not vieler Einrichtung publik zu machen.

Giavarra: Ich würde sogar von einem Notstand in der examinierten Altenpflege sprechen. Die meisten Pflegekräfte machen diesen Beruf vielleicht vier oder fünf Jahre, dann wird die Belastung zu groß. Außerdem ist das Image schlecht. Dabei haben unsere Mitarbeiter eine umfassende Ausbildung genossen. Altenpfleger zu sein, das ist mehr als nur Windeln wechseln.

Was sollte die Politik ihrer Meinung nach tun, um die Situation in den Altenheimen zu verbessern?

Giavarra:Die Politiker sollten zunächst einmal verinnerlichen, dass ein Mensch sein Leben lang wertvoll ist. Einrichtungen von Kindergarten bis Seniorenheim sollten daher angemessen ausgestattet werden. Mehr Personal und mehr gesellschaftliche Anerkennung – das würde uns die Arbeit im van-Acken-Haus erheblich erleichtern . . .

Anne Wiegel

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Kommentare
14.07.2009
12:56
Keine Zeit zum Protestieren
von Bahnfahrer | #1

Ich dachte immer, wenn so ein Altenheim in Gladbeck aufgemacht wird, steht vorab fest wie viel Personal und Zimmer gebraucht werden. Plus Reserve.

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