Jecken stürmen das Rathaus

Prinzessin Sabrina I. und ihr Gefolge vom KC Wittringer Ritter stürmen mit hunderten Jecken an Weiberfastnacht das Rathaus in Gladbeck. Bürgermeister und Verwaltung können sich nicht ewig gegen die Prinzessin mit ihren Wasserpistolen, Gewehr und Schlüsseldienst erwehren.
Prinzessin Sabrina I. und ihr Gefolge vom KC Wittringer Ritter stürmen mit hunderten Jecken an Weiberfastnacht das Rathaus in Gladbeck. Bürgermeister und Verwaltung können sich nicht ewig gegen die Prinzessin mit ihren Wasserpistolen, Gewehr und Schlüsseldienst erwehren.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Narren waren so hartnäckig wie nie und knackten die Verteidigung der Rathaus-Verteidiger. Der Lohn: der Rathausschlüssel – bis Aschermittwoch.

Gladbeck..  Vier Grad plus, bissken Sonne, helles Blau am Himmel. Von Regen keine Spur. Trocken ist auf dem Willy-Brandt-Platz nur die Luft. Hunderte von Jecken ringsum lassen Gläser und Flaschen kreisen, schunkeln sich langsam warm zum „Atemlos“ der singenden Sagrotanflasche. Aufruhr liegt in der Luft.

Laut ist’s, dröhnender Balsam für die Ohren, für die Stimmung. Die erreicht ihren Höhepunkt, als die Berufsjecken der Wittringer Ritter samt Stadtprinzenpaar und gewaltigem Anhang schnurstracks den Eingang des Alten Rathauses ansteuern. Hier wollen sie rein. Ihr Ziel: die verrammelte und verriegelte Pforte.

Hinterm Metallgitter hocken hämisch grinsend und feixend die Verwaltungsspitze mit Bürgermeister Ulrich Roland sowie als grünberockte Verteidiger die besenschwingende vierte Kompanie der Schützen Gladbeck-Mitte. Zudem warten 400 Liter Schalker Bier und nett drapierte Salzstangen auf die Angreifer. Die kennen kein Pardon, wollen es wissen, hieven Prinzessin Sabrina I. auf eine Leiter. Der Rathaussturm kann beginnen.

Die Hörner und die Sektflöten schwenken

Hinten recken sie die Hörner in die Luft, schwenken die Sektflöten. Gaby Will und Angela Leiendecker – „mit der Perücke ist es schön warm“ – sind Schwägerinnen und Freundinnen, feuern als höllisch rote Teufelchen die Rathausstürmer an. Daneben hüpft Tobi Lade im rosa Hasen-Outfit – „es war das blödeste Kostüm, das ich finden konnte“ – vor Aufregung auf und nieder. Highlander Dietmar Dieske – „sonst war ich in Köln, heute mach’ ich Gladbeck unsicher“ – schwingt dazu sein Großschwert.

Kein Wunder, dass ein paar Meter weiter die Eingeschlossenen das große Zittern, begleitet von wirrem Augenrollen, bekommen. Zumal Sabrina I. fesch ins Dekolleté greift und Mini-Fläschchen durchs Gitter reicht. „Ich hoffe, es war lecker, ne Ulli?“ Der bleibt stur, grinst, rückt den geforderten Schlüssel nicht raus und erntet ein entschlossenes „Rock hoch“. Riesengejohle – die Prinzessin zieht tatsächlich blank. Staunen pur.

„Ulli Rück den Schlüssel raus“

Zum Vorschein kommen Strapse und zwei Wasserpistolen, die Sekunden später komplett leergespritzt sind. Das Gegröle steigt an, die Retourkutsche folgt. „Ihr wollt mehr, ihr bekommt mehr.“ Ein Maschinengewehr mit Plastikmunition kommt zum Einsatz. Klack, klack, klack. Die Schützen halten mit gereckten Besen dagegen. Lautstark schallen nun die Gesänge von hinten: „Ulli rück den Schlüssel raus.“

Doch der dichtet im Hülsenhagel kurzerhand: „Hier wird weder das Rathaus geklaut, noch ’ne Autobahn gebaut.“ Überhaupt steigt die Scherzdichte beim harten Tür-Gerangel. BM: „Ich empfehle Hertie gegenüber, es wartet darauf, wachgeküsst zu werden.“ Prinzessin: „Ich rufe den Schlüsseldienst.“ BM: „Ihr kommt nicht rein.“ Als in der Tat der Schlüsseldienst Haufe mit Riesenbohrer anrückt, will BM Roland besänftigen, bietet einen großen Schlüssel aus Brot an. „Ha, gezz kriegste Angst um dein Tor.“

Vor so viel Charme und Witz muss das Stadtoberhaupt letztlich kapitulieren. Das Tor geht auf, SPD-Landtagsabgeordneter Michael Hübner hebt sanft die entfesselte Sabrina I. von der Leiter, erntet ein „ja, der Micha, der weiß, wie es geht“, während Roland schelmisch verkündet: „Wir ergeben uns und teilen das Bier.“ Da gibt’s kein Halten mehr, die Prinzessin reckt den Schlüssel hoch, ein Bützchenmarathon startet, Orden werden verteilt, es erschallt „Gladbeck Helau“, und die wildgewordenen Narren stürmen die Treppe. Minuten später atmet Sabrina I., die die Nacht zuvor „nicht geschlafen hat“, schwer durch. Sie muss beim Bier des Bürgermeisters Lob verpacken: „Der sagte, dass ich die hartnäckigste Prinzessin war, die sie je beim Sturm hatten. Also habe ich alles richtig gemacht.“