In Gedanken bei der Familie

Bei dem Attentat von zwei Islamisten auf die Pariser Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo starben zwölf Menschen. Fast zeitgleich wurde bekannt, dass bei einem Massaker in Nigeria 2000 Menschen getötet worden sein sollen. Die islamistische Sekte Boko Haram soll das Dorf Baga im Norden des Landes fast komplett niedergebrannt haben. Besonders betroffen von dieser Meldung ist der gebürtige Nigerianer Umar Ismail, der in Deutschland studiert und seit August 2014 in Gladbeck wohnt. Der 33-Jährige sorgt sich um seine Familie und die Zukunft seines Landes.

Lage verschlechtert sich

„Meine Heimat ist einer der gefährlichsten Orte in ganz Afrika“, erklärt Ismail. Wenn Freunde oder Bekannte aus Deutschland ihn nach der Lage in Nigeria fragen, blockt er zumeist ab: „Es ist ein dunkles Kapitel unserer Geschichte, das ich am liebsten vergessen möchte.“ Der Student ist in Maiduguri, im Bundesstaat Borno, geboren und aufgewachsen. Er ging dort zur Schule und hat einen Großteil seines Lebens in der Millionenstadt verbracht, bevor er nach Deutschland gezogen ist, um hier zu studieren.

Die Lage in seiner Heimat verschlechtert sich stetig: 20 von 27 Gemeinden im Bundesstaat Borno sind bereits in den Händen Boko Harams, erzählt er. Korruption sei ein großes Problem in Nigeria, zudem sei das Militär schlecht ausgerüstet und es fehle an Moral, den Menschen zu helfen. „Minister fliegen mit Privatjets zu politischen Events, aber die eigene Bevölkerung verarmt“, erklärt Ismail.

Der Ingenieur schaut sich täglich Nachrichtenseiten im Internet an, um über die neuesten Ereignisse Bescheid zu wissen. Informationen aus erster Hand bekommt er von seinen Verwandten vor Ort: „Jeden Tag telefoniere ich mit meinen Eltern, weil ich wissen möchte, wie es ihnen geht.“

Ismail macht sich große Sorgen um seine Familie, weil die Situation im Nordosten Nigerias immer weiter eskaliert. Vor einigen Tagen haben die Terroristen seine Heimatstadt direkt angegriffen: „Mein Vater erzählte mir von lauten Explosionen und Gewehrsalven.“

Viele Einwohner haben die Stadt bereits verlassen und sind in die umgrenzenden Gebiete gezogen. Trotz der bedrohlichen Umstände komme eine Flucht für seine Eltern aber nicht in Frage, obwohl sie die Möglichkeit hätten, bei ihren Kindern in Lagos, der Haupstadt Nigerias, unterzukommen: „Sie haben ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht, Freunde und Nachbarn leben in Maiduguri.“

Seitdem Umar Ismail sein Heimatland verlassen hat, versucht er, seine Familie so häufig wie möglich zu besuchen: „Seit meiner Abreise bin ich fast jedes Jahr nach Maiduguri geflogen.“ Kein ungefährliches Unterfangen für den 33-Jährigen: Boko Haram heißt übersetzt „Westliche Bildung ist verboten“. Da Umar Ismail in Deutschland studiert, ist er nach Ansicht der Islamisten ein Sünder. Bei seinem Besuch in Nigeria im Jahr 2012 hat er niemandem von seinem Aufenthalt erzählt: „Es war einfach zu gefährlich, ich hatte Angst um mein Leben.“ Nur seine Eltern und seine Geschwister wussten Bescheid.

Hoffnung auf Veränderung

Wann er das nächste Mal nach Nigeria reist, weiß Umar Ismail noch nicht. „Ich muss erstmal abwarten, wie sich die Lage in Nigeria entwickelt.“ Er setzt all seine Hoffnungen auf die Wahlen im Februar. „Die wichtigste Aufgabe eines Präsidenten ist es, für die Sicherheit seiner Landsleute zu sorgen.“ Besonders traurig und wütend zugleich mache ihn das Verhalten des Präsidenten Jonathan Goodluck. Auf einer Wahlveranstaltung hatte dieser die Angriffe auf Charlie Hebdo verurteilt, aber kein Wort verloren über das Massaker in Baga.