In Brauck fielen am 30. März 1945 die letzten Schüsse

Katastrophal sah es im März 1945 auf der Rentforter Straße aus, im Hintergrund das St.-Barbara-Hospital.
Katastrophal sah es im März 1945 auf der Rentforter Straße aus, im Hintergrund das St.-Barbara-Hospital.
Foto: Stadtarchiv
Was wir bereits wissen
Die amerikanischen Truppen wurden bei ihrem Vormarsch durch die Stadt von der Flak noch einmal aufgehalten. Zeitzeugen erinnern sich.

Gladbeck..  Haus um Haus, Straße um Straße rückten die Amerikaner an Gründonnerstag und Karfreitag 1945 – vor genau 70 Jahren – in den Stadtsüden vor. Und Franz Krisch stand mit Nachbarsjungen auf der Moltkehalde an der Kösheide und hielt Ausschau. Denn die fremden Verbände kamen auch aus Bottrop-Boy.

„Plötzlich tauchten zwei Panzer auf, die sich langsam in die Welheimer Straße vorwagten“, erinnert sich Krisch. „Rechts und links wurden sie von mehr als 100 Infanteristen flankiert, alle mit einer Maschinenpistole in der Hand“, erinnert sich der Braucker, der die Situation als Elfjähriger erlebte. Es gab keinen Widerstand mehr. Familie und Nachbarn waren im Bunkerstollen der Halde. „Die Amerikaner kamen näher, fragten, ob sich deutsche Soldaten im Bunker befänden.“ Tatsächlich hatte man zuvor 20 bis 25 deutschen Wehrmachtsangehörigen, die auf der Flucht waren, im Stollen Unterschlupf geboten.

Mit erhobenen Händen kamen sie aus dem Stollen, wurden nach Waffen durchsucht und festgenommen. Krisch: „Sie wurden fair behandelt, weder geschlagen noch gedemütigt.“ Allerdings: „Als sie abgeführt wurden, hatten wir schon das Gefühl der Niederlage, das tat weh.“ Auf der anderen Seite war die Erleichterung groß, dass der Krieg vorbei war. „Die fremden Soldaten verteilten Schokolade und sogar Zigaretten.“ Für einige Zeit quartierten sich die Amerikaner im Kotten Steinmann ein.

Beim weiteren Vormarsch Richtung Horster Straße wurden die vorrückenden Truppen noch einmal beschossen: Von der Flak bei Bauer Becks in Beckhausen. Irrtümlich erschossen die Stoßtrupps daraufhin, erinnert sich Krisch, einen Anwohner in Höhe der heutigen Europastraße – er hatte grüne Kleidung an, sie wurde mit Wehrmachtskleidung verwechselt.

Von der Flak bei Bauer Becks wurden auch die Amerikaner beschossen, die über die Landstraße vorrückten. Die aber dachten, dass die Geschosse vom Hof Springmann (am Braucker Friedhof, heute Sellhorst) stammen (Becks liegt einige hundert Meter dahinter). Die GIs kamen zum Hof und trieben die Familie zusammen. „Nur durch französische Kriegsgefangene, die auf dem Hof waren und ein gutes Wort einlegten, wurde sie verschont“, berichten heutige Familienmitglieder. Trotzdem wurde der Hof an diesem 30. März aus Vergeltung in Brand geschossen.

Ingrid Arntz, geborene Radermacher, erlebte den Einmarsch der Amerikaner als Sechsjährige am Elterhaus an der Kirchhellener Straße. „Die fremden Truppen kamen die Kirchhellener Straße herunter, mein Bruder und ich standen hinter Bäumen und beobachten alles.“ Ihr Vater, der Arzt Wilhelm Radermacher, ging den fremden Truppen mutig entgegen – er wollte sie ablenken, weil er im Bunker im Garten seines Hauses einen etwa 17-jährigen deutschen Soldaten versteckte. Trotzdem durchsuchten sie das Haus, sahen auch den Bunker, verzichteten aber, dort nachzuschauen. Der Junge floh dann in ziviler Kleidung, die die Familie ihm gab, über die Felder nach Zweckel.

Schutt und Bombentrichter machten Straßen unpassierbar

An den Ostertagen 1945 (1. und 2. April) atmete die Bevölkerung erstmals wieder so richtig auf. In provisorischen Räumen wurden wieder Gottesdienste gefeiert.

Viele Straßen waren wegen des Schutts unpassierbar, die Bombentrichter (mehr als 14 000!) mussten zugekippt werden. Es herrschte große Seuchengefahr, da viele Bombenopfer noch nicht beerdigt waren. Viele lagen noch unter den Trümmern. Es fehlten Särge. Schreinereien mussten Sonderschichten fahren, Bergleute wurden angewiesen, Sammelgräber auszuheben.

Angst hatte die Bevölkerung vor den plündernd umherziehenden ehemaligen Zwangs- und Fremdarbeitern, Polen und Russen, aber auch Tschechen, die leicht an Waffen gekommen waren. Über 14 000 waren in verschiedenen Lagern interniert gewesen. Sie überfielen vor allem Bauernhöfe, dabei waren Tote und Verletzte zu beklagen, auch Vergewaltigungen soll es gegeben haben. Die ehemaligen Zwangsarbeiter waren vor allem auf der Suche nach Lebensmitteln. Zwei Erschießungen soll es bei dem Versuch, den Plünderungen Einhalt zu gebieten, gegeben haben.

An vielen Straßenecken patrouillierten Posten mit umgehängten Gewehren, Wohnungen und ganze Häuser wurden von der US-Armee beschlagnahmt. Eine Militärverwaltung wurde eingerichtet. Der amerikanische Stadtkommandant bezog die Jovy-Villa. Er verhängte eine Ausgangssperre, ließ Nazis und Militaristen suchen und in Internierungscamps überführen.