Heimkinder-Skandal im Fokus der Gladbecker Politik

Das Domizil des Projektes Neustart im südungarischen Pecs, in dem acht Gladbecker Kinder von 2005 bis 2008 bis zu 2,4 Jahre  untergebracht waren.
Das Domizil des Projektes Neustart im südungarischen Pecs, in dem acht Gladbecker Kinder von 2005 bis 2008 bis zu 2,4 Jahre untergebracht waren.
Foto: Funke Foto Services
Der Jugendhilfeausschuss beschäftigt sich am Dienstag in öffentlicher Sitzung mit dem Thema „Individualpädagogische Jugendhilfemaßnahmen im Ausland“.

Gladbeck..  Nach dem Jugendamts-Skandal in Gelsenkirchen – von dem Gladbecker Kinder betroffen waren – und durch weitere Medienberichte sind individualpädagogische Jugendhilfemaßnahmen im Ausland in die Kritik geraten. Auf Antrag der Ratsfraktionen von SPD und Grünen befasst sich der Jugendhilfeausschuss am Dienstag mit dem Thema. Die dazu erstellte achtseitige Vorlage der Verwaltung wird in einigen Punkten konkret, die erstaunen mögen. Andere Punkte werden nur gestreift, so dass – falls von der Verwaltung nicht per se mündlich mehr berichtet wird – Fragen offen bleiben.

Klar benannt wird, dass vom Gladbecker Jugendamt offenbar nicht hinterfragt wurde, welche Leistung konkret bei der Betreuung von acht Gladbecker Kindern in Ungarn mit dem Projektträger Neustart vereinbart wurden. Die Höhe des verlangten Pflegesatzes von 177,50 Euro täglich, also mehr als 5000 Euro pro Monat, sei „für Maßnahmen dieser Art nicht auffällig“ gewesen, daher sei keine Leistungsvereinbarung des Kinderschutzbundes mit der Stadt Gelsenkirchen angefordert worden. Dass der Träger des Projektes nicht, wie zuvor berichtet, das Kinderheim St. Josef, sondern der ebenfalls in die Kritik geratene Kinderschutzbund Gelsenkirchen war, ist eine neue Information. Ebenso, dass jetzt nach aktueller Auskunft der Stadt Gelsenkirchen, obwohl gesetzlich vorgeschrieben, es überhaupt keine Leistungsvereinbarung mit dem Kinderschutzbund gegeben hat.

Bleibt zu hoffen, dass die von der Stadt eingeleitete Untersuchung des Rechnungsprüfungsamtes und der Staatsanwaltschaft feststellt, für welche fachliche Betreuungs- und therapeutische Leistung sowie Unterbringung Gladbeck genau wie viel gezahlt hat.

Dass der Stadt ein finanzieller Schaden entstanden ist, kann offenbar nicht ausgeschlossen werden. Im Besonderen auch, wenn die üblichen Tagessätze für die Betreuung im Kinderheim St. Josef gezahlt wurden, obwohl das Heim nachweislich (eventuell vorsätzlich) überbelegt war. Denn sollten zum Beispiel zehn statt acht Kinder in einer Wohngruppe ohne personelle Anpassung untergebracht worden sein, konnte die betreuerische Leistung ja nicht im Verhältnis 1:8 erbracht werden, für die Gladbeck gezahlt hat.

Kontrollen vor Ort erst seit 2010

Kritisch könnte auch betrachtet werden, dass die Situation der im Ausland betreuten Kinder erst seit 2010 durch regelmäßige Besuche des Jugendamtes kontrolliert werden. Der Aussage in der Verwaltungsvorlage, „alle Auslandsmaßnahmen konnten entsprechend ihrer Zielsetzung erfolgreich abgeschlossen werden“, hat zumindest ein Ex-Heimkind im Medienbericht anders dargestellt. Konkret nachhaken könnte die Politik auch zu den fachlichen Leistungsstrukturen der Anbieter, die aktuelle Projekte mit Gladbecker Kindern in Polen, Bulgarien und Rumänien durchführen. Und dabei auch fragen, welche pädagogischen Qualifikationen Pflegeeltern haben und was sie für ihre Dienste erhalten.