Heimkinder: Aufenthalt im Ausland oft sinnvoll

Die reizarme Unterbringung in dörflich-fremder Lebenskultur kann bei traumatisierten Jugendlichen dazu beitragen, dass sie neuen Halt finden, Beziehungen aufbauen können und lernen, ihr Leben zu strukturieren und zu meistern.
Die reizarme Unterbringung in dörflich-fremder Lebenskultur kann bei traumatisierten Jugendlichen dazu beitragen, dass sie neuen Halt finden, Beziehungen aufbauen können und lernen, ihr Leben zu strukturieren und zu meistern.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Leiterin einer Betreuungseinrichtung berichtet von erfolgreicher Maßnahme. Neben einigen schwarzen Schafen gebe es viele seriöse Anbieter.

Gladbeck..  „Man muss vor einer einseitigen Betrachtungsweise warnen“, sagt die Gladbeckerin Elisabeth Gieseler zu den aktuellen kritischen Medienberichten, die sich mit Aufenthalten von deutschen Heimkindern im Ausland beschäftigen.

Die Schlagzeile „Mit Kindern Kasse machen“ gelte offenbar für einige schwarze Schafe, denen ohne Frage das Handwerk gelegt werden müsse. „Es existiert aber eine Vielzahl von seriösen Anbietern, die gute Arbeit leisten“, sagt die Fachfrau. Deutschlandweit werden rund 1000 Kinder und Jugendliche fern der Heimat betreut, „und der Aufenthalt im Ausland mit intensivpädagogischer Einzelbetreuung ist mehrheitlich sicherlich eine sinnvolle Hilfe für die Betroffenen“.

Elisabeth Gieseler weiß, wovon sie spricht. Die 54-jährige Diplom Pädagogin leitet in Gelsenkirchen eine Einrichtung, in der Kinder im Alter von acht bis 18 Jahren in einer Wohngruppe oder Jugendwohnung betreut werden, die daheim oft misshandelt und teils auch sexuell missbraucht wurden. Ziel ihrer Arbeit ist es, die traumatisierten Bewohner zu stabilisieren und sie auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten.

Sie berichtet von einem Fall, in dem es trotz aller Bemühungen nicht gelungen ist, erfolgreich zu sein. Erst der Auslandsaufenthalt habe den erhofften Effekt gebracht. Im Alter von sieben Jahren sei das Kind, „das auch sexuelle Gewalt erleben musste“, mit schweren Bindungsstörungen in ihre Einrichtung gekommen. Die professionelle Betreuung, die Therapien und die enge Führung hätten zunächst einen guten Weg bereitet, „bis die Pubertät einsetzte“. Der Junge habe sich falschen Freunden zugewandt, sei oft weggelaufen, habe Alkohol konsumiert und Diebstähle zur Beschaffung begangen. Die Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie habe geholfen, sei aber keine Dauerlösung gewesen.

Gefängnisstrafe drohte

Da beim Rückfall in alte Verhaltensmuster eine Gefängnisstrafe gedroht habe, seien Überlegungen getroffen worden, den mittlerweile 14 Jahre alten Jugendlichen über einen deutschen Träger im Ausland „fern von jeglicher Reizüberflutung und gefährdender Umgebung unterzubringen“. Ein im Ausland lebendes deutsches Lehrer-Ehepaar mit Zusatzausbildung (Trauma) habe sich fast vier Jahre lang erfolgreich um den Jugendlichen gekümmert. In Zusammenarbeit mit dem Maßnahmenträger, der alle drei Monate vor Ort gewesen sei, mit dem Vormund und dem Jugendamt, „die halbjährlich anreisten“.

Die Auslandsunterbringung sei die richtige Entscheidung gewesen, sagt Elisabeth Gieseler. „Der Junge konnte vor seinem 18. Geburtstag nach Deutschland zurückkehren, wo er jetzt, ohne weiter auffällig zu werden, sein Leben meistert“.