Hauskäufer an der Kösheide bangen um ihren Zukunftstraum

Ramona Schaaf (34) hat ihr Haus in der Gladbecker Kösheide im Glauben gekauft hatten, dass der Ratsbürgerentscheid den Ausbau der A 52 für immer verhindert hat, Bruder Manuel Grzemski ist ebenfalls eingezogen.
Ramona Schaaf (34) hat ihr Haus in der Gladbecker Kösheide im Glauben gekauft hatten, dass der Ratsbürgerentscheid den Ausbau der A 52 für immer verhindert hat, Bruder Manuel Grzemski ist ebenfalls eingezogen.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Ramona Schaaf hatte sich auf die Aussagen des Landes nach dem Ratsbürgerentscheid verlassen und war von einem Ausbaustopp für die B 224 ausgegangen.

Gladbeck..  Kösheide 51. Ein Fleckchen Grün am Rand der Stadt. 2500 Quadratmeter groß mit viel Platz für Tiere und Menschen. Genau richtig für Ramona Schaaf (34) und Bruder Manuel Grzemski (30), um ihren Lebenstraum vom Wohnen in der Natur zu verwirklichen. Der Verkehrslärm von der nahen B 224 stört sie in ihrem Idyll nicht. Nach einem solchen Grundstück und Haus mit genug Raum für mehr als eine Familie, hatten die Gelsenkirchener drei Jahre gesucht. Im Sommer 2012 entdeckten sie das Angebot eines Maklers in Gladbeck, im November 2012 unterschrieb Ramona Schaaf den Kaufvertrag, im Mai 2013 zogen sie und ihr Bruder ein – begleitet von drei Hunden, zwei Katzen, Kaninchen, Hühnern und Laufenten – und begannen mit Umbau und Renovierung des alten Hauses. Fertig sind sie noch lange nicht, aber „wir waren glücklich“, sagt Ramona Schaaf.

Alles war gut – bis Mitte August 2014. Ungläubig vernahmen die Bewohner der Kösheide 51, dass das Land den Ausbau der B 224 zur A 52 vorantreiben und die Autobahn jetzt doch vor ihrer Haustür bauen will – obwohl die Gladbecker sich im März 2012 im Ratsbürgerentscheid anders entschieden haben. „Wir waren wie vor den Kopf geschlagen“, erinnert sich die 34-Jährige. „Machen die das wirklich?“ fragten sie sich ein ums andere Mal.

Denn sie hatten fest auf das Wort des Landes vertraut: „Die haben doch gesagt, wenn Gladbeck im Ratsbürgerentscheid nein sagt, heißt das nein für den Ausbau“, ist Ramona Schaaf noch immer fassungslos. „Wir waren wohl zu leichtgläubig“, sagt Bruder Manuel nun ernüchtert.

Für die Geschwister brach mit der Nachricht eine Welt zusammen, die sie gerade erst aufbauten. Statt die nächste Investition in Angriff zu nehmen, wälzen sie jetzt Pläne und Gutachten, versuchen, aus den Unterlagen von Straßen NRW die für sie wichtigen Informationen herauszulesen. Als Laie, sagt selbst die in Bürokratie erfahrene Kommunalbeamtin Schaaf, sei das nicht leicht. Was sie darin aber entdeckt und verstanden hat, bereitet ihr schlaflose Nächte: Rund 800 Quadratmeter des Grundstücks müsste sie für den Ausbau abgeben. „Der halbe Hundegarten, in dem die Hunde frei laufen können, wäre weg.“ Eine Brücke über der Autobahn, die beide Seiten der Kösheide miteinander verbinden würde, wäre so nah am Haus, „dass die Leute in meine Küche und den Garten gucken können.“ Der große Pluspunkt, die Abgeschiedenheit, wäre hinfällig. „Wir sitzen auf dem Präsentierteller“, sagt Ramona Schaaf. Von der massiven Wertminderung des Grundstücks, der höheren Lärm- und Feinstaubbelastung ganz zu schweigen. Vor allem Letzteres macht Ramona Schaaf, die wegen schwerwiegender Erkrankungen nicht mehr arbeitsfähig ist, Sorgen.

Aber „wir werden das nicht kommentarlos hinnehmen“, sagen Bruder und Schwester. Sie bereiten bereits mit Hilfe des Bürgerforums Gladbeck Einwendungen gegen die Pläne vor. Ihren Traum vom ruhigen Wohnen in der Natur wollen sie nicht aufgeben. „Wir haben gekauft, um zu bleiben.“

Altes Fachwerkhaus mit Familiengeschichte

Die Kösheide 51 steht für ein Stück Gladbecker Geschichte als ehemals ländlich geprägtes Dorf. Seit 1892 war der Bauernhof, gebaut als Fachwerkhaus, der Wohnsitz der Familie Döweling, die die Felder ringsum landwirtschaftlich nutzte. Als Therese Döweling (80) 1951 ihren Mann heiratete und in dessen Elternhaus einzog, hielt der Schwiegervater dort noch zwei Schweine, Schafe und Hühner, und „wir haben aus dem Gemüsegarten gelebt“, erinnert sie sich. Die Bundesstraße 224 gab es damals natürlich schon, gegen den zunehmenden Verkehr – „den wir gar nicht mehr gehört haben“ – pflanzten die Döwelings große Bäume. Einige davon hat der Sturm Ela in diesem Jahr gefällt.

Auch die Ausbaupläne für die B 224 kennt Therese Döweling seit langem. In den 80er Jahren wurde es fast ernst damit, sollte ein zusätzlicher Fahrstreifen gebaut werden. Dafür hätte die Familie ein Stück Land abgeben müssen. „Damit hätten wir aber leben können“, sagt Frau Döweling. Doch es wurde nichts daraus, die Pläne verschwanden in der Schublade.

Als es in 2011/2012 dann noch einmal richtig ernst werden sollte, stand sie jedoch gemeinsam mit Tochter Gaby Stöckmann (59) unter den Protestlern gegen den Ausbau. „Eine Autobahn ist anders als eine ausgebaute Bundesstraße.“

Kurz nach dem Ratsbürgerentscheid entschied sich Therese Döweling dann für den Verkauf. Ihr waren Haus und Grundstück zu viel geworden, für Tochter Gaby ist „Ponderosa nicht so das Ding“. Es gab mehrere Interessenten, Ramona Schaaf erhielt für 210 000 Euro den Zuschlag.