Gladbecker sprechen mit Zeitzeugin

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Was wir bereits wissen
Sozialarbeiter Georg Liebich-Eisele fuhr mit 26 Jugendlichen nach Berlin. Besucht wurden Gedenkstätten von Verbrechen des Nationalsozialismus.

Gladbeck..  Die Gedenkstättenfahrten von Sozialarbeiter Georg Liebich-Eisele haben in Gladbeck bereits eine lange Tradition. Jetzt ging es wieder mit 26 Jugendlichen aus Gladbeck nach Berlin zu verschiedenen Gedenkstätten von Verbrechen des Nationalsozialismus. Liebich-Eisele: „Gerade jungen Menschen deutsche Geschichte nachhaltig nahe zu bringen, sie dafür zu sensibilisieren, bei Unrecht genauer hinzusehen, ist das Ziel.“

Die jungen Leute erkundeten zunächst die Stadt Berlin. Im Vordergrund standen dort historische Orte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. So wurde u. a. die zentrale Gedenkstätte für die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden, das Mahnmal für die verfolgten und von den Nazis ermordeten Schwulen und Lesben sowie die Gedenktafel für Georg Elser besucht und besprochen. Mit dem Jüdischen Museum hat der bekannte Architekt Daniel Libeskind einen ganz besonderen Ort des Erinnerns geschaffen. Dort nahm die Gruppe an einem Workshop teil, der sich mit den Themen: Situation jüdischer Schüler während der NS-Zeit, Novemberpogrome, Deportation, Emigration und Zwangsarbeit auseinander setzte.

Der nächste Programmpunkt war die Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannseekonferenz“. Hier kamen am 20. Januar 1942 hochrangige Vertreter der NS- Reichsregierung und SS-Behörden zusammen, um unter Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich den begonnenen Holocaust an den Juden im Detail zu organisieren und die Zusammenarbeit der beteiligten Instanzen zu koordinieren. Die Historikerin Inge Damerow informierte die Jugendlichen der Gedenkstättenfahrt in beeindruckender Weise über das vielleicht schändlichste Dokument der modernen Geschichte und die damit verbundenen Konsequenzen für Millionen von Menschen.

Unternehmer rettet blinde und gehörlose Juden vor Deportation

Den Bundestag besuchte die Gruppe auf Einladung des heimischen Bundestagsabgeordneten Michael Gerdes. Dort erhielten sie Infos über die Grundzüge der Parlamentarischen Demokratie sowie über die Geschichte des Reichstages. Der letzte und emotionalste Programmpunkt war das Treffen mit der Zeitzeugin Inge Deutschkron im Otto Weidt Museum.

Inge Deutschkron begrüßte die Jugendlichen in der ehemaligen Werkstatt des Unternehmers Otto Weidt. Dieser betrieb während der Naziherrschaft eine kleine Firma, um dort Besen und Feger u. a. für die Wehrmacht zu produzieren. Er stellte fast ausschließlich blinde und gehörlose Juden ein, um sie vor der drohenden Deportation zu retten. Inge Deutschkron arbeitete auch für Weidt, war eine von drei sehenden Mitarbeitern. Im Jahr 1942 wurden dann doch 30 Beschäftigte in die Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet.

Inge Deutschkron, die mit ihrer Mutter in einem Versteck untergetaucht war, gehörte zu den fünf Überlebenden der Belegschaft. Inge Deutschkron kam Ende der achtziger Jahre wieder zurück nach Berlin. Ihr Leben diente als Vorlage für das berühmte Theaterstück „Ab heute heißt du Sarah“, das in regelmäßigen Abständen im Kinder- und Jugendtheater „Grips“ aufgeführt wird. Georg Liebich-Eisele: „Das Zusammenkommen und das Gespräch mit der 92-jährigen Zeitzeugin war für die Jugendlichen ein sehr bewegender Moment.“

Zeitzeugin hinterlässt einen tiefen Eindruck

Einen tiefen Eindruck hinterließ bei den Teilnehmern der Fahrt auch in diesem Jahr wieder der Appell von Inge Deutschkron, sich gut über die Zeit des Nationalsozialismus zu informieren und mitzuhelfen, dass sich diese Zeit des Terrors nicht wiederholt. Inge Deutschkron forderte die Jugendlichen dazu auf, sich als zukünftige Mitgestalter dieser Gesellschaft für unsere Demokratie einzusetzen. Worte, die die Jugendlichen aus Gladbeck noch lange beschäftigen werden.

Auch in diesem Jahr wird die Fahrt wieder von allen Teilnehmern dokumentiert, so dass alle Programmpunkte in Wort und Bild festgehalten werden. Die Gedenkstättenfahrt wurde durch das Landesjugendamt und der Brost-Schenkung finanziert.