Gladbecker E-Scooter-Fahrer fühlt sich aussortiert

Hermann Obst darf nicht mehr mit seinem E-Scooter in den Bus einsteigen.
Hermann Obst darf nicht mehr mit seinem E-Scooter in den Bus einsteigen.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Hermann Obst wird seit fünf Wochen mit seinem E-Scooter nicht mehr im Bus mitgenommen. Sein Leben hat sich dadurch für ihn radikal verschlechtert.

Gladbeck..  Anfang Dezember begann für Hermann Obst eine neue Zeitrechnung. Der Gladbecker ist auf seinen von der Kasse verschriebenen E-Scooter angewiesen, doch die Vestische verkündete einen Mitnahmestopp für diese Elektromobile – aus Gefährdungsgründen. Seitdem ist für den 62-Jährigen Schluss mit Mobilität. „Ich bin fix und fertig.“

Obst benötigt das Gefährt dringend. Es ermöglicht ihm beispielsweise die notwendigen Fahrten zu seinem Arzt in Gelsenkirchen-Buer. Den Orthopäden muss er wegen seiner gesundheitlichen Probleme aufsuchen, ihm wurde ein Bein amputiert. Gestern war nun wieder ein solcher Tag der Immobilität. Ein neuer Abdruck für die endgültige Prothese musste her. Die Tour nach Buer stand an. Geholfen hat letztlich ein Freund, der ihn im Privatwagen mitnahm. Dabei fühlte sich Obst mit seinem E-Scooter bislang immer sehr sicher im Bus, hat auch „nie jemanden behindert, jeder kam vorbei“. Jetzt schießen ihm Tränen in die Augen. „Ich hänge in den Seilen, bin total aussortiert worden.“

Die Verzweiflung des 62-Jährigen kann der Landesbehindertenbeauftragte Norbert Killewald voll und ganz verstehen. Er ist ebenfalls sauer über das „rigorose Verbot“ und nennt es gegenüber dieser Zeitung „eine Kampfansage an alle Behinderten“. Doch Hermann Obst und seine Leidensgenossen können hoffen. So hat jetzt der Landesbehindertenbeirat in einer Resolution die NRW-Verkehrsunternehmen aufgefordert, die Mitnahme von E-Scootern wieder zu erlauben. Killewald: „Ein breiter Schulterschluss vieler Organisationen“ Zudem hat die Landesregierung ein Komplettgutachten in Auftrag gegeben. Killewald: „Das Verbot der Verkehrsunternehmen war zu schnell geschossen. Mit dem Verbot haben sie sich ins Abseits gestellt.“

Fahrer und Betriebsleiter haften

Aber die Vestische, die rund 300 Busse im Einsatz hat, bleibt vorerst wie die anderen öffentlichen Nahverkehrsunternehmen in NRW beim Verbot. Sie beruft sich auf ein Gutachten des Verbands der Deutschen Verkehrsunternehmen, das den Transport der Scooter als Sicherheitsrisiko einstuft: Ein Umkippen droht bei Bremsmanövern. Vestische-Sprecher Reimund Kreutzberg sieht im Gegensatz zu Killewald keine Änderung im Anmarsch. „Ich kann mir schlecht vorstellen, dass man davon wieder zurück geht.“ Selbst Hersteller der Fahrzeuge würden vor einem ungesicherten Transport warnen. Und: „Festzurren, das geht nicht im Bus.“ Gleichwohl spürt er zwei Herzen in seiner Brust schlagen. „Persönlich kann ich den Ärger der Leute verstehen. Aber im Moment ist es so. Wenn etwas passiert, dann haften Fahrer und Betriebsleiter.“

Ohne aufsitzende Person

Für Killewald ist es „eine Unverschämtheit, die Haftung auf den Busfahrer ‘runterzuschieben“. Zudem ist er sauer, dass sich die Unternehmen weiterhin stur stellen. Dafür setzt er auf das neue Gutachten, das Ende des ersten Quartals veröffentlicht und sicherlich Lösungen anbieten wird.

So könnte es beispielsweise darauf hinauslaufen, dass der E-Scooter mitfahren darf, aber eben ohne eine aufsitzende Person. Der Landesbehindertenbeauftragte sieht in einem in einer Nische abgestellten E-Scooter kein Sicherheitsrisiko. Killewald: „Ich gehe fest davon aus, dass sich die Sturheit der Unternehmen mit dem Gutachten Ende März ändert.“

Hermann Obst reagiert auf so viel Optimismus voller Erleichterung. „Das wäre wunderbar, dann würde ich mich endlich wieder wohlfühlen. Denn jetzt komme ich ja nirgendwohin.“

Neues Gutachten soll breit aufgestellt sein

Behindertenverbände und der Landesbehindertenbeauftragte kritisieren, dass das Verbot der E-Scooter-Mitnahme in Bussen nur „eine theoretische und berechnende Grundlage“ hat. Diese Gefährdungsabschätzung sei genutzt worden, um ein Mitnahmeverbot auszusprechen.

Gefordert wird in der gerade erst verabschiedeten Resolution, dass die Verkehrsunternehmen die Mitnahme der E-Scooter ab sofort wieder ermöglichen. Zudem wird die Landesregierung gebeten, das anstehende neue Gutachten so breit aufzustellen, dass es „eine umfassende Betrachtung zur Vorbereitung von langfristigen Lösungsvorschlägen ermöglicht“, so die Behindertenverbände.