Gladbecker Bergmann - Akkordarbeit am pumpenden Kohleherzen

Helmut Schumacher mit Karbidlampe vor seinem Lieblingsbild: Eine Kohlezeichnung von Vater und Sohn in Bergmannskluft und vertrauter Geste vor ihrem Pütt.
Helmut Schumacher mit Karbidlampe vor seinem Lieblingsbild: Eine Kohlezeichnung von Vater und Sohn in Bergmannskluft und vertrauter Geste vor ihrem Pütt.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Helmut „Felix“ Schumacher war zunächst Lokführer unter Tage bevor er auf Hugo Anschläger wurde. Pro Schicht mussten 800 Kohlewagen gefördert werden.

Gladbeck.. Wenn jemand die rote Laterne bekommt, ist das heute ein negativ besetzter Hinweis, da er ausdrückt, in einem Vergleich an letzter Stelle zu stehen. Für Helmut Schumacher war es indes routinierter Berufsalltag, das Schlusslicht zu tragen – „das sich zudem in barer Münze bezahlt machte“, erzählt der heute 67-Jährige.

Als Bergmann in vierter Generation setzte er die Familientradition Anfang der 1960er Jahre fort, unter Tage zunächst auf Graf Moltke 3/4 und dann auf Hugo 5/2 die Brötchen zu verdienen. Darum gefällt ihm wohl auch die Kohlezeichnung so gut, die er sowohl im Wohnungsflur wie auch in der guten Stube aufgehängt hat. „Vater und Sohn, die gemeinsam in Bergmannskluft vor dem Pütt stehen.“

Zurück zur roten Laterne. Eigentlich habe er nach der Ausbildung gehofft, vor Kohle zu kommen, „da dies etwas mehr Lohn bedeutete“, erzählt Schumacher. „Mein Reviersteiger Franz Deparies hatte mit mir aber andere Pläne. Dich mache ich zum Lokführer, hat er gesagt.“ Und jeden Tag musste Lokführer Schumacher zur Schicht die rote Laterne mit in die Tiefe nehmen, um sie am letzten Kohlewagen als Signal anzubringen. „Pro Schicht gab es dafür eine Mark Zulage.“

Sechs Kilometer durch die Dunkelheit

Sechs Kilometer Dunkelheit, die Gleisstrecke vom Füllort am Hauptschacht bis zur Ladestelle am Abbau, waren danach Schumachers Arbeitswelt. Achtzig volle Kohlewagen mit Gewicht von je einer Tonne konnte seine pressluftbetriebene Lok ziehen. 1971 war dann Schicht auf Moltke, und wie so viele wurde Kumpel Helmut, den alle nur nach seinem zweiten Vornamen „Felix“ nannten, zur Zeche Hugo verlegt, wo er die Schacht-und Zimmerhauer-Prüfung erfolgreich ablegte.

Sieht man ein funktionierendes Bergwerk wie einen großen Organismus, dann wechselte der Gladbecker von der Schlagader zum pumpenden Herzen. Denn auf Hugo war er nicht mehr für den Transport des schwarzen Goldes durch den Stollen, sondern für dessen Förderung ans Tageslicht zuständig. Als Anschläger in der Steuerbude der südlichen Hauptförderung, „an Schacht VIII der siebten Sohle“.

In Vierseilförderung konnten hier bis zu 24 Tonnen Kohlen pro Korb-Umlauf über 1200 Meter Teufe rasendschnell in keinen zwei Minuten vom Füllort zur Hängebank an die Oberfläche gebracht werden. Keine gemütliche Bergbauromantik also, sondern hochtechnisierte Akkordarbeit, um die Quoten zu erfüllen. „100 Kohlen, also volle Wagen, waren pro Stunde das Soll.“ Er habe trotzdem immer darauf geachtet, dass die Wagenanknebler nicht übereifrig wurden. „Denn Hektik ist tödlich, und eine Hand kann schnell zwischen die Puffer der je vier Tonnen schweren Wagen geraten.“ Nicht ohne Stolz sagt Schumacher, dass in seiner Schicht in den ganzen 36 Jahren seiner Tätigkeit am Füllort „kein schwerer Unfall passiert ist“.

1998 wurde Schumacher in Rente geschickt. Eine rote Laterne hat er nicht zum Abschied mitgenommen. In der Glasvitrine daheim stehen aber einige Grubenlampen – und im Kopf sind jede Menge Erinnerungen, die eh nie verlöschen.