Gladbeck war damals ohne Zechen gar nicht denkbar

Ein Kind der Schachtanlage Moltke 1/2: Hans-Jürgen Ricken erlernte auf dem Pütt den Beruf des Bergmanns.
Ein Kind der Schachtanlage Moltke 1/2: Hans-Jürgen Ricken erlernte auf dem Pütt den Beruf des Bergmanns.
Foto: Funke Foto Services
Hans-Jürgen Ricken erinnert sich an die Bergbauzeit der 50er Jahre, als er auf Moltke die Lehre begann. 15 000 Kumpel arbeiteten auf Gladbecker Pütts.

Gladbeck.. Hans-Jürgen Ricken kann sich noch ganz genau daran erinnern, wie das alles im Frühjahr 1951 war, als er als Lehrling auf Graf Moltke 1/2 anfing. „Ich war 15 Jahre alt, mit mir fingen am gleichen Tag 120 bis 150 Berglehrlinge und Bergjungleute an“, erinnert sich der 78-jährige Butendorfer. „Unter Tage durften wir noch nicht, das war erst ab 16 Jahren erlaubt.“

So lernten die jungen Gladbecker zunächst über Tage Schreinerei und Schmiede, Holzplatz und Werkstatt kennen. „Wir wurden langsam rangeführt.“ Unter den Pütt-Anfängern waren viele ehemalige Klassenkameraden der Volksschule (heute Uhlandschule) „und viele Jungs von der Landstraße.“

Dort wohnte die Familie Ricken – die Zeche an der Horster Straße immer im Blick. „Der Pütt gehörte zu unserem Alltag.“ Und der Bergbau dominierte in den Nachkriegsjahren das Leben in der Stadt: Anfang der 50er Jahre gab es in Gladbeck fast 15 000 Menschen, die auf den Zechen malochten. „Ohne Zechen – das war gar nicht vorstellbar. Wohlstand definierte sich nach Tonnen Kohle, nicht nach Bruttosozialprodukt.“

Später Karriere als Gewerkschafter

Auch Vater Hans Ricken, der aus Hamburg stammte und nach dem 1. Weltkrieg nach Gladbeck gekommen war, war Püttrologe. Er hatte in den 20er Jahren auf Moltke angelegt, seit den 30er Jahren war er auf Stinnes. Für Hans-Jürgen Ricken war es überhaupt keine Frage, dass er auch Bergmann werden würde. „Das war irgendwie völlig klar.“

Außerdem, erinnert sich der ehemalige Kumpel, sei auch das Geld wichtig gewesen. „Im ersten Lehrjahr zahlte die Zeche 125 Mark, das war viel. Ein Lehrling im normalen Handwerk bekam nur 20 Mark.“ In der Zeit vor dem Wirtschaftswunder, als viele Familien noch richtig rechnen mussten, sei das durchaus wichtig gewesen. Außerdem habe der Bergbau Perspektive und Aufstiegsmöglichkeiten geboten.

Hans-Jürgen Ricken machte auf Moltke die Knappen- und Hauerprüfung, „aber eine Steigerkarriere wollte ich nicht einschlagen.“ Seit 1953 war er Jugendvertreter und fand Geschmack an der Betriebsrats- und Gewerkschaftsarbeit. Der Butendorfer, der seit 1953 auf Moltke 3/4 einfuhr, beendete schon 1960 seine Bergmannskarriere und entschloss sich mit 24 Jahren, hauptberuflich zur Gewerkschaft zu wechseln. Nach dem Besuch der Sozialakademie in Dortmund wurde Ricken Jugend- und Bildungssekretär bei der IG Bergbau und Energie. Natürlich hatte er immer einen wachen Blick auf Pütt und Kumpel, spürte auch den nachhaltigen Druck aus den Bergbaukrisen 1953 und 1957/58.

„Davon hat sich der Bergbau leider nicht mehr erholt, die ersten Zechenschließungen kamen nicht überraschend.“ 1966 wechselte er zur IG Chemie, arbeitete in Leverkusen und Düsseldorf. 30 Jahre lang – bis zur Pensionierung – war er Geschäftsführer der IG Chemie in Offenburg. 2004 kehrte er nach Gladbeck zurück – in die Stadt, die schon lange Abschied vom Bergbau genommen hatte.