Gedenkstätten beeindrucken Berlin-Reisende aus Gladbeck

Vor dem Reichstagsgebäude formierten sich die Teilnehmer der Berliner Gedenkstättenfahrt zum Erinnerungsfoto.
Vor dem Reichstagsgebäude formierten sich die Teilnehmer der Berliner Gedenkstättenfahrt zum Erinnerungsfoto.
Foto: Georg Meinert
Was wir bereits wissen
21 Gladbecker fuhren in die Hauptstadt und besuchten Orte, die an Grausamkeiten des Holocausts erinnern. Begegnung mit Zeitzeugin Inge Deutschkron.

Gladbeck..  Auf eine historische Spurensuche begaben sich 21 Gladbecker bei einem Berlin-Besuch, zu dem Georg Liebich-Eisele, langjähriger Organisator von Gedenkstättenfahrten in die Hauptstadt, in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladen hatte. Unter dem Leitgedanken „Erinnern für eine gemeinsame Zukunft“ wurden Gedenk- und Bildungsstätten besucht, die sich mit dem Holocaust und dem Widerstand „Stiller Helden“ gegen die NS-Politik beschäftigen.

Eine besonders bedrückende Erinnerungsstätte war das „Haus der Wannsee-Konferenz“ – der Ort, an dem am 20. Januar 1942 hochrangige Vertreter des NS-Staates in einer nur 90-minütigen Konferenz die Kooperation bei der geplanten Deportation und Ermordung der europäischen Juden besprachen – was als Wannsee-Konferenz zur „Endlösung der Judenfrage“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Historikerin Ingrid Damerow gelang es, die Ungeheuerlichkeit des bürokratisch verabredeten Massenmordes spürbar zu machen, der im krassen Widerspruch zur idyllschen Lage der Villa am Wannseestrand steht. Die Betroffenheit der Besucher zeigte sich in einer lebhaften Diskussion mit der Expertin.

Bei einem Besuch des Jüdischen Museums, das vom jahrhundertealten jüdischen Leben in Berlin erzählt, erhielten die Besucher auch Einblicke in den von Star-Architekt Daniel Libeskind kreierten Neubau, der auch durch seine Baukunst auf bestechende Weise vom Holocaust berichtet. Bei einem anschließenden Workshop konnten die Gladbecker Original-Dokumente zu Deportation, Pogromnacht, Zwangsarbeit sowie Emigration einsehen und analysieren – „und dabei wertvolle, authentische Erkenntnisse gewinnnen“, wie sie feststellten.

Höhepunkt der Berlinfahrt war die Begegnung mit der Zeitzeugin und Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron im Museum der Blindenwerkstatt Otto Weidt. Die heute 92-jährige Journalistin und Autorin (u.a. „Ich trug den gelben Stern“) überlebte Verfolgung und Deportation in Berlin durch Unterstützung „stiller Helfer“. Einer davon war der Kleinfabrikant Otto Weidt, der während des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich blinde und gehörlose Juden in seiner Werkstatt beschäftigte, auch versteckte. Weidt, der Besen und Bürsten herstellte, bot der jungen Inge Deutschkron Arbeit und bewahrte sie vor den Schergen der Gestapo. Über zwei Stunden berichtete die Deutsch-Israelin, die seit 2001 wieder in Berlin lebt, von der Entrechtung und Ausgrenzung der jüdischen Bürger, dem Überlebenskampf in der Illegalität, der unbeschreiblichen Angst um Leib und Leben während der NS- Zeit.

Auch das Reichstagsgebäude wurde besichtigt

Die Gladbecker hatten während ihres fünftägigen Besuchs auch Gelegenheit, bei einem von MdB Michael Gerdes unterstützten Besuch von Reichstags- und Abgeordnetenhaus einen Einblick ins politische Berlin zu bekommen und konnten bei der alternativen Stadtführung „Berlin quer“ den Veränderungen in der Hauptstadt seit dem Fall der Mauer vor 25 Jahren auf den Grund gehen. U.a. wurde am neuen Hauptbahnhof, am Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor, am Stelenfeld für die jüdischen Opfer der NS-Zeit und am wiederhergestellten Leipziger Platz Station gemacht.

Gelegenheit gab es auch, die Erinnerungsstätte für die Berliner Mauer an der Bernauer Straße oder die Baustelle für das Berliner Schloss („Humboldt-Forum“) zu besichtigen sowie einen Bummel durch die Szeneviertel in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg zu unternehmen.

Reiseleiter Georg Liebich-Eisele fährt seit über 20 Jahren nach Berlin

Reiseleiter Georg Liebich-Eisele, der regelmäßig mit Jugendlichen zu den Berliner Gedenkstätten fährt, zeigte sich „total zufrieden“ mit der Reise. „Die leidenschaftlichen Diskussionen in der Gruppe zeigten, dass sich die Teilnehmer auf die Themen eingelassen haben und zahlreiche Eindrücke und Empfindungen mitgenommen haben.“ Ihm sei wichtig, Menschen zu Orten zu führen, wo sie Geschichte hautnah spüren und viele Informationen aus erster Hand aufnehmen können, etwa durch Zeitzeugen-Gespräche.

Liebich-Eisele (56) führt seit 1992 Gedenkstättenfahrten durch - vor allem mit Jugendlichen. Über 30mal war er schon in Berlin. Im Juli fährt er zum dritten Mal nach Israel, plant dorthin im nächsten Jahr auch eine Tour mit Erwachsenen. Auch soll es 2016 wieder nach Berlin und erstmals nach München gehen. Der Sozialarbeiter, hauptberuflich bei der AWo tätig, ist für sein Engagement um die Erinnerungskultur 2012 mit der Verdienstmedaille des Bundesverdienstkreuzes geehrt worden.