Erinnerungen - Pastor Krekeler gibt Gas auf dem Kinderrad

Ernst Tewes (ehemaliger Rektor), Elisabeth Fest (ehemalige Schülerin), Mathilde Austermann (stellvertretende Schulleiterin), Annette Fischer (Lehrerin) und Claudia Landmesser (ehemalige Schülerin).
Ernst Tewes (ehemaliger Rektor), Elisabeth Fest (ehemalige Schülerin), Mathilde Austermann (stellvertretende Schulleiterin), Annette Fischer (Lehrerin) und Claudia Landmesser (ehemalige Schülerin).
Foto: Michael Korte
Was wir bereits wissen
110 Jahre Schulzeit gehen zu Ende. Die Hermannschule in Gladbeck-Zweckel schließt. Lehrer, Eltern und ehemalige Schüler erinnern sich.

Gladbeck..  Hoch oben unterm Giebel des Backsteinhauses hängt er noch, der Schriftzug „Hermannschule“. Er weist auf die 110 Jahre alte, ursprünglich katholische Volksschule an der Schulstraße im Zweckeler Norden hin. Doch die Schule, zuletzt eine Grundschul-Dependance der Pestalozzischule, offiziell „katholischer Schulstandort Schulstraße 11“ genannt, ist mit Beginn des neuen Schuljahres nach den Sommerferien für immer Geschichte. Was dennoch bleibt, sind die Geschichten, die Schüler, Lehrer, Schulleitung erlebt haben. Wir haben den Erzählern zugehört.

1 Elisabeth Fest, geborene Tenbusch, ist ehemalige Schülerin. Sie wuchs in Scholven auf der Straße Im Winkel auf, direkt an der Grenze zu Zweckel. Eingeschult wurde die heute 82-Jährige 1939 in Scholven. Von 1941 bis 1943 besuchte sie die Hermannschule. „Dann war in der vierten Klasse Schluss. Der Krieg. In ganz Gladbeck hatte da keine Schule mehr geöffnet.“ Der Wechsel nach Zweckel war gewöhnungsbedürftig. „In Scholven hatten wir schon eine Wasserspülung, hier gab es nur ein Plumpsklosett.“ Das stand draußen, dort, wo sich heute die OGS-Pavillons befinden. „Da haben wir es uns zweimal überlegt, dort drauf zu gehen“, schüttelt es Fest noch heute. Die Schulzeit war für sie eine Zeit der Abwechslung. Geübt wurde auch das Aufsuchen des Bunkers, der auf dem Schulgelände lag.

Die Lehrer waren streng. „Zur Nazizeit war der Rektor ein SS-Mann in Uniform.“ Ein Lehrer, der damals nicht mitmachen wollte, wurde direkt eingezogen, erinnert sich Fest. Schlimm war der Kälte-Winter 1946 in der Pestalozzischule. 60 Kinder besuchten dort eine Klasse, denn die Hermannschule war ausgebombt. Sie mussten aber für mehrere Monate nicht in die Schule „da es im ganzen Revier keine Kohlen gab“.

Ihre eigenen Kinder hat Fest später ebenfalls auf die Hermannschule geschickt. „Unsere Familie hatte immer eine enge Beziehung zur Schule. Beim 80. Jubiläumsfest war meine Mutter mit ihren 90 Jahren noch dabei.“

Die Eltern waren sehr positiv zur Schule eingestellt

2Rektor i. R. Ernst Tewes ist heute 83 Jahre alt. Er leitete die Hermannschule von 1966 bis 1982, bevor er dann zur Josefschule wechselte und dort 1994 pensioniert wurde. Er nennt einige Probleme, die es in seiner Amtszeit gab. So herrschte damals ein starkes Kommen und Gehen im Kollegium, längerfristige Krankheitsfälle und Mutterschaften sorgten für Unterrichtsausfall. „Ich musste pausenlos neue Stundenpläne schreiben, Eltern die Kürzungen plausibel machen.“

Zu kämpfen hatte er auch mit dem Egoismus einiger Pädagogen. „Manche Lehrerin hatte 18 Stunden und wollte nur von 8 bis 11 Uhr unterrichten. Aber die Zeit haben wir durchgestanden.“

Eine unendliche Geschichte war zudem die Heizungsanlage. Sie beschäftigte ganze Schülergenerationen. Nach 20 Jahren (!) gab’s dann endlich eine neue Gaszentralheizung. Tewes: „Es war ein Kampf.“ Die Schulatmosphäre bezeichnet er als ein von Respekt geprägtes gegenseitiges Verhalten. „Auch die Eltern waren sehr positiv zur Schule eingestellt.“

Besonders betont Tewes den „guten Draht zur Gemeinde Herz Jesu“. Pastor Heinrich Krekeler kam immer mit dem Kaplan zum Religionsunterricht. „Sein Markenzeichen war die dicke Zigarre. Die legte er dann immer in den Blumentopf und vergaß sie auch oft.“

Krekeler hatte Humor, war sehr beliebt. „Wenn da ein Kinderrad herumstand, dann schnappte er es sich und drehte erst mal eine Runde. Die Kinder haben gejubelt.“

Auch Anekdoten erzählte Krekeler gerne. Um beim Badehosenkauf nicht erkannt zu werden, fuhr Krekeler extra nach Buer. Doch während er in der Auslage die Hosen begutachtete, sprach ihn die Verkäuferin schon an: Kann ich Ihnen helfen Herr Pastor? Auch bei Lehrerausflügen war er immer dabei, erinnert sich Tewes. Dann versorgte er die Truppe auch schon mal mit Kurzen aus dem Kofferraum.

Unser Motto lautet: Wir nehmen jeden mit

3Ein halbes Jahr nach dem Referendariat trat Mathilde Austermann (49) ihre erste Stelle an der Hermannschule an. Sie wechselte dann, kehrte aber später zurück und ist heute die Konrektorin der Pestalozzischule. Da sie vor acht Jahren zur Hermannschule abgeordnet wurde, pendelt sie seitdem zwischen den Standorten Brahmsstraße und Schulstraße der Verbundschule Pestalozzischule. Austermann lobt die gute Zusammenarbeit mit Kollegium, Förderverein und Eltern. „Besonders positiv ist, dass viele Eltern hier eine sehr soziale Einstellung haben.“ Was wiederum wichtig ist bei der ziemlich großen Bandbreite an Schülern. „Unser Motto lautet: Wir nehmen jeden mit. Das gefällt mir sehr gut.“

Die ganze Familie hängt mit der Schule zusammen

4Enge Bindungen zur Hermannschule hat auch Claudia Landmesser (49). Sie ist die Nichte von Elisabeth Fest, ihre Oma war auf der Schule, sie selber ebenso wie ihre drei Kinder. Und auch ihr Ehemann war Hermannschüler. Seit Jahren ist sie mittlerweile als pädagogische Ergänzungskraft in der OGS-Betreuung tätig. „Irgendwie hängt die ganze Familie mit der Schule zusammen“, sagt sie schmunzelnd.

Ja, sie liebt ihre alte Schule wohl. „Das ist das Tolle hier, jeder kennt jeden, und der Schulhof liegt im Grünen. Schade, dass es jetzt zu Ende geht.“ Es fällt ihr schwer, sich vorzustellen, wie es nächste Woche wohl dort aussieht. „Das tut weh.“

Lustiger sind ihre Erinnerungen an die Schulzeit Anfang der 70er Jahre. An einen Mitschüler beispielsweise, der ihre langen Zöpfe, die damals bis zu den Knien reichten, immer als Zügel benutzte, um mit Klein-Claudia Pferd zu spielen. Selbst Ermahnungen wurden liebevoll ausgesprochen. So hatte Landmesser nie große Lust auf Hausaufgaben und verweigerte sich oft zu Hause. Beim Elternsprechtag gab’s denn auch einen Spruch von Rektor Ernst Tewes: „Ich kann mir wohl vorstellen, dass ein Böckchen in ihrer Tochter steckt.“

Das hier ist Bullerbü

5Seit 1978 unterrichtet Annette Fischer an der Hermannschule, hat unter Ernst Tewes angefangen. Eine andere Schule kam für die 61-Jährige nie in Frage. „Es war eine tolle Zusammenarbeit im Kollegium.“ Und: „Wir haben immer gesagt, das hier ist Bullerbü.“ Fischer hat vier Schulleiter erlebt und viele Kollegen, die kamen und gingen. Als sie anfing, wurde noch samstags unterrichtet, es folgten viele Reformen, große Umwälzungen. „In so einer Zeitspanne passiert eben viel.“ Auch Eltern und Schüler haben sich verändert, sagt Fischer. „Darauf mussten wir uns einstellen.“ Mittlerweile unterrichtet sie die Kinder ihrer ehemaligen Schüler und sieht das Pensionsalter näherrücken. „Ich glaube, jetzt ist es langsam Zeit zu gehen.“

Namenspatron der Hermannschule

Der Namenspatron der Hermannschule war der Besitzer der Wiese in Zweckel, auf der die Schule gebaut wurde, Bauer Hermann Strangemann.

In der Chronik der Schule aus dem Jahr 2005 heißt es, dass der Überlieferung nach die sieben Kinder von Hermann Strangemann einen kürzeren Schulweg haben sollten. Für das Grundstück, so verlangte er, sollte die Schule seinen Namen tragen.