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Gedenkveranstaltung

Erinnerung an die Pogrome

09.11.2011 | 18:57 Uhr
Erinnerung an die Pogrome
Fotos:Heinrich Jung WAZFotoPool

Gladbeck. Für eine Kultur des Erinnerns hat sich Judith Neuwald-Tasbach, Gladbeckerin und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, bei der Gedenkveranstaltung zum 9. November am Mittwoch an der Stele für die Opfer von Krieg und Faschismus am Mahnmal im Wittringer Wald ausgesprochen.

„Es ist wichtig, dass man die Erinnerung nicht aufgibt“, sagte sie vor rund 100 Gästen der seit 1988 alljährlichen Gedenkveranstaltung. Erinnern sei nicht rückwärts-, sondern zukunftsgewandt, „weil man Lehren aus der Vergangenheit ziehen kann“, betonte Neuwald-Tasbach, die in einer sehr persönlichen Rede, in der sie das Schicksal ihrer jüdischen Eltern beschrieb, an die Grauen und die Barbarei des NS-Staates erinnerte, die in der Pogromnacht des 9. November 1938, vor genau 73 Jahren, einen ersten schrecklichen Höhepunkt fand.

Die Familien ihrer Eltern – die des Vaters in Gelsenkirchen, die der Mutter in Siebenbürgen – hätten es nicht fassen und glauben können, wie die Menschen, dir vor 1933 noch den Hut vor ihnen gezogen hatten, sie ganz plötzlich ausgrenzten und sie letztlich in Zwangsarbeit und ins KZ gebracht hatten. Der Vater nach Riga, die Mutter nach Auschwitz. „Nur durch Zufälle überlebten sie“, so Neuwald-Tasbach, wozu auch Menschen gehörten, denen sie begegneten, die Leben retteten. „Die gab es.“ Wie der Chefarzt im Horster Hospital, Dr. Rudolf Bertram, der nach einem Bombenangriff ihre Mutter, die zur Zwangsarbeit von Auschwitz ins Außenlager auf Gelsenberg in Horst gelangte, trotz Verbots behandelte und vor der Gestapo versteckte.

Nach dem Krieg blieb sie in Gelsenkirchen, wohin ihr Vater zurückkehrte. „Sie blieben, obwohl sie allein mit ihren Gefühlen und Schrecken fertig werden mussten und es schwer war, Vertrauen zu den Menschen zu fassen, die ihnen dieses Leid angetan hatten.“

Doch, so die Gemeinde-Vorsitzende, ihre Eltern wollten Zukunft gestalten. Neuwald-Tasbach: „Sie legten damit das Fundament für die heutige Zeit und dafür, dass Juden heute hier wieder leben können und sich neues jüdisches Leben aufbauen kann.“

Bürgermeister Ulrich Roland hatte zuvor daran erinnert, dass die nationalsozialistische Tyrannei auch das dunkelste Kapitel in der Stadtgeschichte sei. „Unter den Augen der Gladbecker und mit ihrer Beteiligung wurde bedroht, entrechtet, missachtet und gequält.“ Und dies, obwohl die Gladbecker Juden bis 1933 keineswegs Außenseiter, sondern anerkannte, teils beliebte Mitglieder aus der Mitte der Gesellschaft gewesen seien.

Auch Roland sprach sich dafür aus, sich zu erinnern, den Gedenktag zu nutzen, um sich mit den Taten der Täter und den Schicksalen der Opfer zu beschäftigen. „Wir schweigen die Jahre zwischen 1933 und 1945 nicht tot.“

Wesentlich geprägt habe die Gedenkkultur in Gladbeck „die außerordentlich engagierte Erforschung“ der Gladbecker Geschichte unter dem Nationalsozialismus. Auch die Errichtung der Stele und der Bau des Mahnmals für die Wehrmachts-Deserteure seien deutliche Zeichen für die Aufarbeitung der Nazi-Zeit in der Stadt, so der Bürgermeister.

Bürgermeister Roland erinnerte auch daran, dass der Rat der Stadt im Dezember 2010 Adolf Hitler symbolisch posthum die Ehrenbürgerwürde aberkannte. Und er wies darauf hin, dass das Portrait von Bernhard Hackenberg (OB 1933-1945) in der Ahnengalerie im Rathaus nun eineTafel hat, die seine Rolle als Repräsentant und Erfüllungsgehilfe des NS-Staates in Gladbeck erläutert. „Das ist der richtige Weg, mit diesem Teil der Stadtgeschichte umzugehen.“

Unter den Klängen des Bläserensembles der Musikschule legten die Gäste zum Abschluss der Gedenkfeier weiße Nelken und weiße Steine an der Stele nieder.

Georg Meinert

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