Entsetzen über heftige Unfallbilder

Foto: Michael Korte
Was wir bereits wissen
„Crash Kurs NRW“ thematisiert mit Fotos, Filmen und Berichten riskantes Verhalten im Straßenverkehr.

Gladbeck..  „Du trägst Verantwortung – immer, als Fahrer und Beifahrer.“ Die Binsenweisheit lässt sich im lockeren Gespräch ‘rüberbringen, aber auch ganz anders: dramatisch, aufwühlend, zutiefst emotional.

Für diese Variante hat sich der „Crash Kurs NRW“ entschieden, der riskantes Verhalten im Straßenverkehr thematisiert. Gestern machte die Veranstaltung mit Partnern der Polizei und dem Präsidium Recklinghausen Station in der Stadthalle. Ziel von „Crash Kurs“ ist eine Verringerung der Zahl schwerer Unfälle, an denen gerade die weniger erfahrene und gleichzeitig häufiger risikobereite Altersgruppe der unter 25-Jährigen beteiligt ist.

Heftige Unfallfotos sind Alltag für die Polizei, nicht für die rund 260 Schüler der Anne-Frank-Realschule, des Ratsgymnasiums und der Erich-Fried-Schule. Sie werden von Minute zu Minute leiser – je gewaltiger die Fotos, in scharf geschnittene Filme eingebettet und untermalt von durchdringender Streichermusik – auf sie einstürmen. Schnitt. Susanne Klodt, Polizeioberkommissarin von der Unfallprävention, lässt einen Luftballon platzen und moderiert appellierend in die Stille hinein: „Von einer zur anderen Sekunde sind Lebensträume zerplatzt. Das soll bei euch nicht so sein, deshalb sind wir hier vor Ort.“

Eindrücke vor Ort erleben, die man nie wieder vergisst

Mitgebracht hat sie Kollegen, die beim Einsatz „Eindrücke vor Ort erleben, die man nie wieder vergisst“. Polizist, Feuerwehrmann, Notarzt, Seelsorger sind sie, teilweise in Doppelfunktion. Als Joachim Jendreiko von der Marler Polizeiwache über einen Unfall mit Todesfolge berichtet, ist es so still wie im Unterricht wohl selten. Der Fahrer, einziger Sohn einer Mutter, kam plötzlich von der Fahrbahn ab, prallte gegen einen Baum, war nicht angeschnallt. Tot. „Ich hoffe, ich muss euren Eltern nicht erklären, dass einer von euch nicht mehr nach Hause kommen wird.“

Vom Schreckensszenario eines Unfalls mit acht Personen auf der B 224 berichten Georg Fragemann und Markus Franken. Die beiden Feuerwehrmänner erwartete damals ein Schlachtfeld. Es sind Bilder, die sie nie vergessen werden, Bilder, die nicht da wären, hätte sich der Unfallverursacher an die vorgeschriebene Geschwindigkeit gehalten. Die Männer und auch Notarzt Dr. Ralf-Georg Retzlaff, der seit 15 Jahren auf den Straßen Gladbecks unterwegs ist, geben durch ihre Erzählungen dem Grauen ein Gesicht, ein schreckliches.

Notfallseeösorger sorgt für Betroffenheit

Für Betroffenheit pur sorgt dann Notfallseelsorger Michael Grüning. Der dreifache Vater betreut Opfer, muss Todesnachrichten an ahnungslose Familien überbringen und schilderte in einem eindringlichen Monolog seine ganz persönlichen Ängste und Befürchtungen. Er schloss mit dem Satz: „Es hätte auch mein Kind sein können.“ Zurück bleibt Stille. Der „Crash Kurs“ wirkt.

Als aus den Lautsprechern der Graf sein „Geboren um zu leben“ singt, brechen die ersten Schüler zusammen, weinen. Überwältigt von Eindrücken und Gefühlen. Das wahre, schreckliche (Unfall-)Leben ist zuviel für sie. Die Polizei ist sofort zur Stelle. Sie kennt die Situation von vorherigen Veranstaltungen. Die Schüler werden aus dem Saal geführt, man kümmert sich um sie.

Immer mit den Fehlern der anderen rechnen

Die emotionale Betroffenheit der Schüler, die den „Crash Kurs“ besuchen, ist gewollt. Schüler sollen so fürs Thema sensibilisiert werden, sagt Udo Grimmelt, Verkehrssicherheitsberater.

Warum die heftigen Schockbilder?

Der Name sagt es: Es ist ein „Crash Kurs“. Die Bilder gehören zur Dramaturgie. Sie zeigen die Realität ungeschminkt. So ist das Leben.

Wie sind die Reaktionen der Schüler auf die Vorträge?

Es ist eigentlich immer gleich. Zunächst herrscht Unruhe, kein Wunder bei fast 300 Schülern. Im weiteren Verlauf wird es dann stiller. Das ist normal. Wir kriegen die Schüler ans Nachdenken, wollen sie emotional erreichen und wir erreichen sie auch.

Gibt es Unterschiede beim Fahrverhalten von Jungen/Mädchen?

Bei Jungs ist Imponiergehabe zu finden. Mädchen verhalten sich viel defensiver. Als Beifahrerinnen haben sie übrigens einen positiven Einfluss auf den männlichen Fahrer. Es gilt: Rechnet immer mit den Fehlern der anderen, beweist euch nichts im Straßenverkehr, fahrt defensiv. Und: Denkt daran, keiner ist unverletzlich.