Eine Zukunft für Biji
12.02.2010 | 14:27 Uhr 2010-02-12T14:27:13+0100
Gladbeck Bis zu ihrem 14. Lebensjahr hat Biji nur die Schattenseite des Lebens kennen gelernt. Ihre Eltern sind arm und krank, die Hütte der Familie in dem kleinen indischen Dorf ist nicht mehr als ein windschiefe Baracke.
Kaum vorstellbar, dass dort Menschen hausen. Den ständigen Hunger, das schwere Leben: Alles hat tiefe Spuren in die Gesichtszüge des Mädchens gegraben. Doch mit 14, da hatte Biji endlich einmal Glück. Sie trifft auf Menschen, die ihr helfen wollen und es ihr ermöglichen, die Armut ihres Dorfes zu verlassen. Jetzt macht Biji eine Ausbildung zur Krankenschwester. Noch zweieinhalb Jahre und sie ist fertig, ein Job ist ihr sicher.
So wie Biji geht es auch Sudha, Rajis, Sema, Sumajol und 54 anderen jungen Mädchen im indischen Bundesstaat Kerala. Trotz großer Armut haben sie auf einmal eine Zukunftsperspektive, die Chance auf ein besseres Leben. Und das, weil drei Menschen aus Gladbeck und Gelsenkirchen vor sieben Jahren beschlossen haben, diesen ewigen Kreislauf der Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen. „Prathyasa - Hoffnung für die Bedürftigen“ haben sie ihren Verein genannt. Mit Hilfe von Patenschaften versuchen sie, die Ausbildungen für „ihre Mädchen“ sicher zu stellen. Hinter Gerald Bernecker, Doris Beinecke-Thimm und Werner Thimm steht keine bundesweit verzweigte Hilfsorganisation. Was da in Indien bewegt wird, hat seinen Ursprung, wird geplant und ermöglicht, in einem gemütlichen Häuschen an der Riesener Straße in Gladbeck.
Natürlich, sagt Doris Beinecke-Thimm, gibt es auch in Deutschland viel Armut, viele Familien, die Hilfe nötig haben. Doch nun haben sich die drei Freunde im besten Rentenalter nun einmal dafür entschieden, den Blick auf Indien zu richten. Auch Gerald Bernecker will dieses Totschlagargument, wie er es nennt, von der Not vor der eigenen Haustür nicht gelten lassen. „Wer das anführt, der hilft meist hier nicht, und woanders auch nicht“, sagt er bestimmt. Gerald Bernecker, er ist so zu sagen das Herz von „Prathyasa“. Schon in seiner Zeit als Grundschullehrer hat er für die Kindernothilfe gearbeitet. Als Kameramann war er für die Organisation in Indien unterwegs. Die Not der armen Bevölkerung dort, das Leid vor allem der Mädchen, die in der indischen Gesellschaft generell nicht viel gelten, es hat ihn nicht mehr los gelassen.
„Die Kindernothilfe kümmert sich in Indien um Jungen und Mädchen im Schulalter“, sagt der Grundschullehrer aus Gelsenkirchen. Doch wie geht es nach der Schulzeit weiter? Dieser Gedanke hat Gerald Bernecker einfach nicht mehr los gelassen. Besonders das Schicksal der Mädchen, für die in der Regel nur der Schritt zurück in die Armut der Familie bleibt, hat ihn dazu veranlasst, das Modell der deutschen Pateneltern ins Leben zu rufen. Seitdem ist er, gemeinsam mit den Thimms, ständig auf der Suche nach Menschen, die bereit sind die Ausbildung der armen Mädchen von Kerala zu ermöglichen. 25 Euro im Monat kostet so eine Patenschaft. Sie besteht während der Ausbildung und bis zur sicheren Vermittlung der jungen Frauen in einen Beruf. Über Briefe erfahren die Paten im fernen Deutschland, wie es „ihrem Kind“ geht.
Und Gerald Bernecker ist zum Pendler zwischen zwei Welten geworden. Jedes Jahr verbringt er mehrere Wochen oder sogar Monate in Kerala. Er nimmt Kontakt auf zu den armen Familien mit Töchtern, die für eine solche Patenschaft in Frage kommen. Er besucht regelmäßig das Heim, in dem die Mädchen untergebracht werden und kümmert sich um die Ausbildungs-Seminare. Meist wollen die Mädchen Krankenschwester oder Lehrerin werden. Es gibt aber auch Computer-Kurse und Seminare für die Ausbildung zur Schneiderin. Wichtig ist für Bernecker, dass alle Seminarangebote ein Zertifikat der Regierung vorweisen können. „Da sichert später den Arbeitsplatz der Mädchen“, weiß der ehemalige Grundschullehrer, dessen Herz für die Menschen in Indien und für das Land schlägt. 59 Mädchen betreut „Prathyasa“ zurzeit. Natürlich, sagt Bernecker, sei das im Hinblick auf die Bevölkerung Indiens eine mehr als kleine Zahl. „Allerdings ist das für 59 Mädchen ein Weg aus der Armut, ein Durchbrechen des ewigen Kreislaufes auch für ihre Familien und später für ihre Kinder.“
Und wieder fällt ihm als bestes Beispiel das Mädchen Biji ein. Seitdem es die Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, hat die Familie wieder mehr Mut gefasst. „Der Vater hat seine Alkoholsucht in den Griff bekommen. Er geht sogar wieder seiner Arbeit als Kuli nach. Und Biji - sie ist einfach aufgeblüht.“
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