Eine Geschichtsstunde an der Gesamtschule aus erster Hand

Dr. Elisabeth Schwane im Kreis derGesamtschüler - neben der Zeitzeugin Lehrer Carlo Behler.
Dr. Elisabeth Schwane im Kreis derGesamtschüler - neben der Zeitzeugin Lehrer Carlo Behler.
Foto: Gesamtschule
Was wir bereits wissen
Eine Zeitzeugin, die packend erzählen kann, war jetzt an der Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule zu Gast: Dr. Elisabeth Schwane aus Raesfeld.

Gladbeck..  Geschichtsunterricht einmal aus erster Hand, dachten sich die Schülerinnen und Schüler des Geschichtsgrundkurses in Q2 und luden die 94-jährige Dr. Elisabeth Schwane aus Raesfeld-Erle auf Vermittlung ihres Geschichtslehrers Carlo Behler in ihren Unterricht ein.

Die ehemalige Lehrerin für Deutsch, Englisch und Geschichte stellte sich den Fragen der jungen Erwachsenen über die Zeit des Nationalsozialismus, die sie als Schülerin und Studentin hautnah miterlebt hatte.

Die Schülerinnen und Schüler wollte vor allem wissen, was Elisabeth Schwane damals vom Nationalsozialismus gehalten hat. „Ich hatte eine totale Abneigung gegen Hitler und seine Weltanschauung. Die ständigen Aufmärsche und Gesänge waren mir zuwider. Und ich habe damals schon gemerkt, dass die Nazis zwei Gesichter hatten: Obwohl sie die Grausamkeiten gegen Andersdenkende und Juden mitbekamen, ließen sich viele von der ständigen Propaganda, die vor allem die Gefühle ansprach und das Denken ausschalten sollte, und auch durch die Erfolge der Nazis beeindrucken.“

Als ihr einmal die Bemerkung herausrutschte: „Die Nazis haben doch gar keine Kultur“, wurde sie vor ein Parteigericht zitiert und von Nazigrößen „zur Sau“ gemacht. Der Aufforderung, als Gymnasiastin in dem kleinen Dorf Erle eine BDM-Gruppe (Bund deutscher Mädel: Mädchenorganisation der Nazis) ins Leben zu rufen, entzog sie sich, indem ihr die Eltern die Unterbringung im Pensionat des Ursulinengymnasiums in Dorsten finanzierten, so dass sie in Erle keine Funktion mehr übernehmen konnte.

Vor dem Abitur wurde ihr nahe gelegt, Hitlers „Mein Kampf“ zu lesen, was sie aber verabscheute. In der Abiturprüfung fragte sie der prüfende Lehrer nach Inhalten dieses Buches. Als sie frei heraus sagte, sie habe es nicht gelesen, rettete sie der vorsitzende Schulrat – offenbar kein Nazi - mit der Aufforderung, andere Dinge zu prüfen.

„Wir haben alle zu viel den Mund gehalten“

Auf die Frage, was sie vom Rassismus und Antisemitismus mitbekommen habe, wusste sie anschaulich von ihrem Arbeitseinsatzes im „Warthegau“ (heute Westpolen) zu berichten, wie sich die deutschen Besatzer gegenüber den Polen als „Herrenmenschen“ aufführten. Ein Ereignis geht ihr heute noch nahe, von dem sie in bewegten Worten berichtete. 1941 traf sie ihre inzwischen in Schermbeck verheiratete jüdische Jugendfreundin und ehemalige Nachbarin Else Cahn in Dorsten.

Diese trug den gelben Judenstern. Da es verboten war, mit Juden zu reden, wagte sie es nicht, länger stehen zu bleiben und sich mit ihr zu unterhalten. Heute bedauert sie es, dass sie für ihre Freundin nicht mehr als ein paar flüchtige Worte fand. „Am liebsten hätte ich sie umarmt, aber ich hatte einfach Angst, weil uns die Leute beobachteten.“

Die NS-Diktatur war kein Rechtsstaat, für jedes „falsche“ Wort, konnte man ins Gefängnis kommen. Wir haben alle zu viel den Mund gehalten.“ Else Kahn kam ein Jahr später im Ghetto von Riga ums Leben.

Zum Schluss der Stunde präsentierte Elisabeth Schwane eine ledergebundene Jahrhundertausgabe von Goethes Faust, die sie bei Kriegsende in einem Splitterschutzgraben zusammen mit anderen Büchern entdeckt hatte. Offenbar hatten englische Soldaten die Bücher gefunden und als „Naziliteratur“ entsorgt. Da die Soldaten den Graben aber inzwischen als Latrine benutzt hatten, holte Elisabeth Schwane einige Bücher mit einer Mistgabel aus dem Graben, säuberte sie nach Kräften und gab sie den Besitzern, die sie ausfindig machen konnte, zurück. Ein Besitzer schenkte ihr aus Dank die prächtige Faustausgabe.

Die Schülerinnen und Schüler äußerten sich begeistert über diese Geschichtsstunde der etwas anderen Art. „Frau Schwane konnte in ihrer anschaulichen Art zu erzählen Geschichte sehr lebendig machen und vor allem Emotionen vermitteln, die in Geschichtsbüchern zu kurz kommen“, bemerkte Raik Preuß. Alexander Kamps überzeugte die Realitätsnähe ihrer Darlegungen und Sharon Arbeiter bezeichnete die Erzählungen von Zeitzeugen als Idealfall, Geschichte an Jüngere weiterzugeben.