Ein Kleinod in der Schullandschaft

Konzentriert drückt Fabio vor dem Verkaufstresen der Bäckerei auf den Bildschirm seines IPads. Eine Computerstimme ertönt: „Ich hätte gerne fünf Brötchen.“ Ein stolzes Lächeln huscht über das Gesicht des Elfjährigen. „Wir geben nichtsprechenden Kinder eine Stimme“, erklärt später Michael Brieler-Jödecke. Die Entwicklung der speziellen Computer-Software, mit der Behinderte ohne Sprachfähigkeit auch einkaufen gehen können, hat der Rektor der Jordan-Mai-Schule selbst initiiert. Das erfolgreiche Modellprojekt ist nur eine der modernen Lernmethoden, die auf der Förderschule an der Söllerstraße angewandt werden. Ein Kleinod in der Schullandschaft, das aufgrund stetig hoher Schülernachfrage jetzt kräftig ausgebaut werden soll – wobei viele Gladbecker zwar den schmucken Bau kennen, ohne zu wissen, was genau hinter den mehr als 100 Jahre alten Mauern passiert.

Vorurteile auch noch in der heutigen Zeit, bei Förderschulen für Menschen mit geistiger Behinderung handele es sich um Verwahranstalten, machen den Rektor fassungslos. Vor einigen Tagen habe er in einer Zeitschrift noch das Zitat eines Vaters gelesen, dass sein Sohn lieber auf eine inklusive Grundschule gehen solle, um lesen und schreiben zu lernen so gut es gehe, „und nicht nur bügeln oder wie man Obst schnippelt“. Letzteres ist an der Jordan-Mai-Schule in der Tat ein Thema, „weil wir unsere Schüler auch für den Alltag im Haushalt fit machen wollen“, aber selbstverständlich würden diese auch differenziert nach den individuellen Fähigkeiten in den Bereichen Lesen und Rechnen gefördert.

Genau 146 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 20 Jahren, „also vom Grund- bis zum Berufsschüler“, besuchen die Förderschule des Bistums Essen. Darunter das Kind im Wachkoma bis hin zum Kind mit relativ guter Lese- und Schreibfähigkeit. „Ziel ist es“, sagt Michael Brieler-Jödecke, „die Schüler auf ein möglichst eigenständiges Leben vorzubereiten und, wo es geht, ihnen berufliche Fertigkeiten zu vermitteln.“ Dazu stehen im Keller der Schule ein Hauswirtschaftsraum sowie eine Metall-, Holz- oder Papierwerkstatt zur Verfügung.

Immer wieder gelingt es so auch, Schüler nach dem Abschluss nicht ,nur’ in eine Werkstatt für Behinderte, sondern in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. „Zum Beispiel als Gärtnerfachgehilfin im Landschaftsbau oder Beikoch in einer Großküche“, so der Rektor, der sich in diesem Bereich ein größeres Stellenangebot wünscht.

Fabio kommt derweil vom Einkauf zurück. Stolz verteilt er drei der Brötchen an Lehrerinnen – sie hatten jeweils eines bei ihm für das gemeinsame Frühstück bestellt.