Die „Stimmen“ der sprachlosen Akteure auf der Leinwand

Sven Hermann und Matthias Hettmer in ihrem Studio.
Sven Hermann und Matthias Hettmer in ihrem Studio.
Foto: Hermann
Was wir bereits wissen
Sven Hermann und Matthias Hettmer komponieren Musik für Stummfilme und spielen sie live, während der Streifen über die Leinwand flimmert.

Gladbeck..  „Ich habe völlig vergessen, dass ich einen Stummfilm sehe.“ Das war das schönste Kompliment, das Sven Hermann und Matthias Hettmer bisher gehört haben, zeigte es ihnen doch, dass sie den wortlosen Akteuren auf der Leinwand quasi Stimmen verliehen hatten.

Hermann (40) und Hettmer (41) komponieren seit 16 Jahren Stummfilmmusik. Für 30 Schwarz-Weiß-Schätze aus den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts haben sie mittlerweile Klangwelten geschaffen – und ihre Musik hat nichts mit den Tönen zu tun, die der Mann am Klavier anno dazumal im Kinosaal produzierte.

Der Gladbecker Sven Hermann spielt Akkordeon, sein Partner aus Essen E-Bass. Beide haben in den 90er Jahren an der Folkwang-Hochschule ihr Diplom gemacht, auch als Komponisten. Sie spielen (Bandname: Interzone perceptible) live, wenn der Stimmfilm über die Leinwand flimmert. Zwei Männer musizieren, aber es klingt mal so, als stünde ein ganzes Orchester auf der Bühne, mal so, als sei eine Metalband am Werk. Und immer scheint die Musik direkt aus der Leinwand zu erklingen.

„Wir haben jahrelang experimentiert, setzen alle möglichen Effektgeräte ein, für Schall, Echo, Modulation zum Beispiel“, erklärt Sven Hermann. „Mittlerweile schleppen wir 600 kg Equipment mit uns herum, und der Aufbau dauert vier Stunden.“

Nur zehn Tage hatten die Komponisten Zeit, als sie 2000 ihren ersten Auftrag bekamen: Musik zum Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Was sie ablieferten, begeisterte ihren Auftraggeber, die Betreiber der „Bonner Brotfabrik“, ein Open-Air-Stummfilm-Kino. Heute klingt das, was sie damals komponierten, an vielen Stellen anders. Hermann: „Wir entwickeln die Filmmusiken kontinuierlich weiter.“ Und mit zehn Tagen ist es auch längst nicht mehr getan. Rekord: Für die Vertonung des Zweieinhalb-Stunden-Films „Die freudlose Gasse“ hat das Duo zwei Jahre und zwei Monate gebraucht. „Das ist richtig harte Arbeit“, sagt Hermann. „Wir schauen uns den Film zig Mal an, bevor sich in unseren Köpfen Klangfarben, akustische Räume und Rhythmen entwickeln, die zur Grundatmosphäre und zur Geschwindigkeit des Films passen.“

Passende Klänge – für das Duo bedeutet das alles andere als Klischeemusik wie herzzerreißende Geigenklänge zur Liebesszene. „Unsere Musik unterstreicht nicht den Inhalt des Films, sondern spiegelt das Innenleben der Protagonisten.“

Davon konnten sich schon Cineasten in vielen Städten Nordrhein-Westfalens, aber auch in anderen europäischen Ländern und sogar in den USA und in Südkorea überzeugen – und bald auch in Gladbeck.