BUND-Forderung - „Chemiepipelines dringend besser absichern“

Fernleitungen direkt neben dem Spazierweg am Fuße der Halde Rheinbaben in unmittelbarer Nähe zur A2. Nach der Sabotage an der BP-Methanolleitung untersuchten beauftragte Gutachter das Umfeld der Schadenstelle.
Fernleitungen direkt neben dem Spazierweg am Fuße der Halde Rheinbaben in unmittelbarer Nähe zur A2. Nach der Sabotage an der BP-Methanolleitung untersuchten beauftragte Gutachter das Umfeld der Schadenstelle.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Expertin der Organisation stellt nach Sabotageakt in Gladbeck klare Forderung. Die Fernleitungen für gefährliche Stoffe müssen unter die Erde.

Gladbeck.. Die Landesbeauftragte für Technischen Umweltschutz des Bundes für Umwelt und Naturschutz, Claudia Baitinger, fordert, dass die Chemiepipelines, die mitten durch bewohntes Stadtgebieten führen, besser abgesichert werden. Die angesägte Fernleitung in Gladbeck-Ellinghorst sei ohne weiteres zugängig gewesen, sodass 10 000 Liter hochentzündliches und giftiges Methanol auslaufen konnten.

Bevölkerungsschutz Wobei das Einatmen der Chemikalie bereits gesundheitsgefährdend sei, „und das Verschlucken von nur 30 Millilitern für den Menschen tödlich ist“. Selbst jede oberirdisch verlaufende „Köttelbecke“ sei mit Zäunen besser abgesichert als die offen verlegten Chemiepipelines, „die auch direkt hinter Privatgärten oder in der Nähe von Schulen oder Kindergärten verlaufen“. Zum Vergleich würden auf Firmengeländen eines Chemieunternehmens ganz andere Sicherheitsvorschriften gelten.

Baitinger: „Dort ist ein Sicherheitsabstand von 200 Metern zu den Leitungen, die hochentzündliche oder explosionsgefährliche Stoffe führen, vorgeschrieben.“ Ein Problem sei zudem sicherlich, „dass die Chemiepipelines nicht unter die Störfallverordnung fallen, obwohl das Gefahrenpotenzial, das von den Leitungen ausgeht, höher anzusetzen ist als bei Störfallbetrieben, die mit solchen Stoffen arbeiten. Hier hat die Industrielobby gut ihre Interessen durchsetzen können.“

Bessere Gefahrenabwehr zum Schutz der Bevölkerung

Im Rahmen einer besseren Gefahrenabwehr zum Schutze der Bevölkerung müssten die Fernleitungen innerhalb von bewohnten Stadtgebieten „dringend unter die Erde verschwinden, und sie sollten generell in doppelwandiger Ausführung vorgeschrieben werden, damit bei einer Leckage ein zusätzlicher Schutz vorhanden ist“. Hier seien die Lokal- wie die überörtliche Politik gefordert, Druck auszuüben, damit die Vorgaben geändert werden. Auch gelte es, die Laufzeiten der Betriebserlaubnis für die oft hochgefährlichen Leitungsanlagen, die teils unbegrenzt oder für 30 Jahre gelten, zu überdenken und zu verkürzen, fordert Baitinger.

Laut BP Ruhröl existiert eine automatisches Überwachungssystem, das Leckagen in den petrochemischen Fernleitungen des Unternehmens erkennt. Die WAZ hakte nach, warum das System im Fall der angesägten Methanolleitung in Gladbeck nicht auslöste. 10 000 Liter der giftigen Chemikalie konnten ungehindert ausfließen, bis ein Spaziergänger den Schaden entdeckte und meldete.

„Wir haben unsere Anlagen, wie es die Verordnung für Fernleitungen in ihren technischen Anforderungen vorschreibt, mit einem doppelten, unabhängig voneinander arbeitenden Alarmsystem abgesichert“, so Unternehmenssprecherin Stefanie Hansen. Ein System messe den Druck in der Leitung, das zweite betreffe die Mengendifferenzmessung. „Dabei wird alle sechs Minuten automatisch ausgewertet, ob es eine Differenz zwischen der in die Fernleitung abgegebenen und der am Zielort ankommenden Menge gibt“, so Hansen. Die an der kleinen Schadstelle in sechs Minuten ausgetretenen Menge habe unter der Differenz gelegen, bei der das System auslöse, „die bei 190 oder mehr Litern liegt“. Ob die Systeme empfindlicher arbeiten sollten, darüber rede man mit der Aufsichtsbehörde. Die genehmigte einwandige Rohrleitung gelte grundsätzlich als sicher.

Forschungsbericht des Bundes rät zuSicherheitsabständen

Nach WAZ-Recherche stellte die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in ihrem Forschungsbericht „Zu den Risiken des Transports flüssiger und gasförmiger Energieträger in Pipelines“ im Jahr 2009 fest: „Pipelineunfälle stellen meist Großschadensereignisse mit Schadensradien dar, die bei der Raum- und Flächenplanung grundsätzlich die Einhaltung von Sicherheitsabständen erfordern müssten. Deshalb ist die Flächenplanung in der Umgebung einer bestehenden Pipelinetrasse in jedem Fall sorgfältig zu prüfen. (...)“

Pipelinenahe Bebauung beachten

„Ein wichtiger Aspekt bei der Flächenplanung ist, so heißt es in dem Bericht weiter, „dass nicht nur die Pipelines selbst betrachtet werden, sondern auch die an bestehenden Pipelines herannahende Bebauung. Pipelines werden in der Regel über einen sehr langen Zeitraum betrieben. In diesen Zeiträumen können sich die Flächennutzungspläne stark verändern und die Sicherheit der Leitungen gefährden bzw. das Risiko der Pipeline in Bezug auf die herannahenden neuen Objekte entlang der Leitung erhöhen.

Um dies zu vermeiden, ist die Koordinierung der Verkehrswege- und Flächennutzungsplanung mit neuen und bestehenden Pipelineprojekten eine der wirkungsvollsten Aktivitäten zur Gewährleistung eines hohen Sicherheitsniveaus“, so das Fazit der BAM-Fachleute