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Sommercamp 2011

Büffeln für einen Ausbildungsplatz

03.08.2011 | 18:29 Uhr
Büffeln für einen Ausbildungsplatz
Vorbereitung auf Berufsleben im Sommercamp, acht der neun Teilnehmer: (v.l.) Hussein Kaawar, Ibrahim Ali-Khan, Gökan Bakanay, Sevim Kaynar, Halit Güner, Ziyat Fidan, Sebastian Dunkel, Ali Barkaordari Foto: Thomas Gödde / WAZ FotoPool

Gladbeck. Neun Jugendliche büffeln im VGW-Sommercamp für einen Ausbildungsplatz. Und ihre Chancen sind gut, denn allein die Teilnahme ist ein Nachweis ihrer hohen Motivation.

Hussein weiß auf jede Frage eine Antwort, hat dabei fast immer ein Lächeln im Gesicht. Sympathisch, freundlich, ehrlich kommt der Junge rüber. Schade, dass das kein echtes Vorstellungsgespräch war, er hätte sicher eine gute Chance auf einen Ausbildungsvertrag als Einzelhandelskaufmann gehabt. Doch das Frage-Antwortspiel mit Sarah Keller vom Anstoßprojekt und Monika Guthke war nur eine „Trockenübung“ im Sommercamp, dem besonderen Berufsorientierungsangebot des VGW (Verein zur Förderung der Gladbecker Wirtschaft) und der Stadt in der Ferienzeit. Besonders deshalb, weil die Haupt- und Gesamtschüler sich darum bewerben und ihre ernsthafte Motivation nachweisen müssen, um überhaupt teilnehmen zu dürfen. Acht junge Männer, eine junge Frau machen in diesem Jahr mit. Und wie in jedem der acht vorherigen Sommercamps haben fast alle dieser Haupt- und Gesamtschüler, die nach dem Schulabschluss noch ohne Lehrstelle sind, einen Migrationshintergrund.

Aber sie wollen nichts lieber als eine Chance auf eine berufliche Perspektive und sitzen deshalb seit dem 25. Juli jeden Tag in einem Klassenraum der Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule, um zu lernen, sich noch besser zu präsentieren, noch konkreter auf Fragen zu antworten und Kenntnisse aus ihrer Schulzeit aufzufrischen.

Ausbildungsleiter
Kümmert euch!

Gladbecker Unternehmer besuchen das Sommercamp regelmäßig, um die Teilnehmer kennen zu lernen und auf diesem Wege vielleicht schon den passenden Azubi zu finden. „Und wir haben bis jetzt jeden mit Erfolg ausgebildet“, zieht Udo Sadlowski, Ausbildungsleiter bei Döllken, eine positive Bilanz seiner Sommercamp-Azubis der letzten Jahre. Dass nicht alle Superschulnoten haben, sei erst einmal kein Hinderungsgrund. „Wer rechnen, schreiben, lesen kann, schafft auch die Ausbildung“, weiß Sadlowski. Man muss sich aber kümmern: Als Ausbilder ein Auge auf die Jungs haben, als Betrieb zusätzliche Förderung finanzieren, wenn’s in der Berufschule nicht so klappt. „Wenn einer mit einer Vier in Mathe auf dem Abschlusszeugnis dann am Ende der Lehre die Prüfung schafft, ist das ein toller Erfolg. Wir brauchen nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer.“

Dass es bei vielen Entlassschülern an schulischem Grundwissen fehlt, ärgert den Ausbildungsleiter. „Da muss sich doch an den Schulen etwas tun.“ Mathematische Grundrechenarten dürfen nicht nur mit dem Taschenrechner beherrscht werden. Ebenso aber müssten auch Eltern sich um ihre Kinder kümmern, viel mehr Verantwortung übernehmen. „Die Eltern sollten Betriebe besichtigen, damit sie wissen, welche Ausbildungsmöglichkeiten es gibt.“ Sadlowskis Erfahrung: „Viele glauben noch immer, es gebe Arbeitsplätze auf der Zeche oder bei Siemens!“

Bruchrechnen, zum Beispiel, haben sie zuletzt in der 7. Klasse gemacht. An diesem Vormittag nimmt Lehrerin Monika Guthke noch einmal das Erweitern und Kürzen durch. Und ist am Ende ganz zufrieden mit ihren Schützlingen. Dass die ihre Ferien für die Chance auf eine Lehrstelle opfern, ist nachvollziehbar. Dass die Lehrerin der Erich-Kästner-Realschule den Großteil ihrer Ferien mit dem Unterricht der Jugendlichen verbringt, ist beeindruckend.

Passende Azubis finden

Vor neun Jahren startete der VGW mit dem Sommercamp, „um für jeden Azubi die passende Ausbildungsstelle, für jeden Ausbildungsplatz den passenden Azubi zu finden“, erklärt Geschäftsführerin Margret Lindenberg das ursprüngliche Anliegen. Dieses Matching ist immer noch ein Ziel, darüber hinaus aber hat sich das Sommercamp für jeden Teilnehmer zum Sprungbrett ins Berufsleben überhaupt entwickelt. Viele VGW-Mitglieder bilden mittlerweile Teilnehmer des Sommercamps in ihren Betrieben aus, oft sind das zusätzlich geschaffene Lehrstellen über den eigentlichen Bedarf. Auch diesmal wurden bereits in der ersten Woche ganz gezielt Bewerbungen an Mitgliedsunternehmen versandt, gibt es erste Einladungen zum Vorstellungsgespräch.

Angesichts der großen Vermittlungserfolge des Camps „müssten hier viel mehr Schüler sitzen“, wundert sich Margret Lindenberg über das erstaunlich geringe Interesse bei Entlassschülern. Nur 15 Bewerbungen gab es in diesem Jahr, dabei wird das Camp in den Schulen und im Ausbildungscoaching-Projekt Anstoß intensiv beworben. Denn im Emscher-Lippe-Land kommen nach wie vor zwei Bewerber auf einen Ausbildungsplatz - und Hauptschüler haben es oft besonders schwer.

Warum also das Desinteresse? Darauf geben die Teilnehme des Sommercamps 2011 Antworten: „Viele wollen lieber Ferien machen“, sagt Gökhan, der mit der Familie hätte mitfliegen können, auf den Urlaub aber verzichtet hat. „Vielen ist nicht bewusst, wie ernst die Sache ist. Die glauben, sie kriegen noch was“, vermutet Ali. Dabei ist er sicher nicht allein mit dieser Erfahrung: „Die Suche nach einer Lehrstelle habe ich mir einfacher vorgestellt.“

Maria Lüning

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Kommentare
05.08.2011
13:16
Büffeln für einen Ausbildungsplatz
von Gladebecker | #2

Wie kann es dazu kommen, dass man nach 10 Schuljahren (ohne Ehrenrunde) die Grundlagen des Wissens nicht erhalten hat.
Grundrechenarten ohne Taschenrechner, Lesen und Schreiben von fachbezogenen Texten.
Geht unser Schulsystem auf diese bildungsfernen Schüler überhaupt noch ein ? Oder haben die Kids keine Vorstellung von der Realtität. Diese 9 Jungendlichen scheinen nochmal die Kurve zu bekommen und ich wünsche, dass ihr Lernen auch von Erfolg gekrönt wird. Aber was machen die anderen Kinder ohne Ausbildung.
Warten auf ALG 2 kann doch keine Lösung sein.

04.08.2011
09:58
Büffeln für einen Ausbildungsplatz
von Die-Gerda | #1

„Vielen ist nicht bewusst, wie ernst die Sache ist. Die glauben, sie kriegen noch was“


Ja es ist ernst!
Das war es aber schon von der 1. Klasse an, hat nur keiner geglaubt. Cool sein war vielen wichtiger, leider.

Also Gas geben, das leben ist ein Ponnyhof! Wer Sein Tier nicht pflegt, fliegt.

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