Auf dem St. Lamberti-Turm in Gladbeck wird Wind zum Orkan

Wunderbar ist der Blick, der sich den Arbeitern bietet. Allerdings ist es so hoch oben auch ziemlich kalt und sehr windig.
Wunderbar ist der Blick, der sich den Arbeitern bietet. Allerdings ist es so hoch oben auch ziemlich kalt und sehr windig.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Bei der Einrüstung des Kirchturms von St. Lamberti erleben die Gerüstbauer windige Zeiten. In drei Wochen wird mit der Sicherungssanierung begonnen.

Gladbeck..  Mächtig Wind um die Nase, den sind die Gerüstbauer der Spezialfirma BSB aus Kaarst gewohnt. Doch was hier oben in luftiger Höhe am Kirchturm von St. Lamberti die Haare in Wallung bringt, ist schon heftig.

Seit Wochen schrauben sich die Experten für Kircheneinrüstung Meter um Meter in die Höhe, um die Voraussetzungen für die anstehenden Sanierungsarbeiten an Ziegelwerk und Sandsteinen zu schaffen. In den letzten Tagen ging es an die Substanz. Die stürmischen Zeiten machten ein Weiterarbeiten schlicht unmöglich. Architekt Michael Schicktanz (56) vom ausführenden Gladbecker Büro Niermann/Schicktanz: „Wenn unten am Portal ein Stürmchen weht, herrscht oben der Orkan.“

Dem kann Gerüstbauer Martin Kade (28) nur zustimmen. Am frühen Gründonnerstagmittag packen er und seine Männer ihre Brocken zusammen. Oben geht nichts mehr, die plötzlichen Böen sind zu stark, die Unfallgefahr zu hoch. Schließlich müssen die Männer hochkonzentriert auf schmalem Brettergrund das Stahlskelett am Mauerwerk mit großen Ankerplatten und Dübeln fixieren. Die einzelnen Bauteile werden händisch transportiert, ins Skelett integriert. Meter um Meter, Rundung um Rundung, Rohr für Rohr, Platte für Platte – geht es so voran. Da reicht ein einziger plötzlicher Windstoß und der schreckliche Fall vom Kirchturm würde Wirklichkeit.

Kade, eigentlich sturm- und kälteerprobt, hebt die großen Hände, denen man die zupackende Arbeit ansieht: „Wir müssen wegen der Böen aufhören. Es geht nicht, macht keinen Sinn.“ Erfahrung hat der Mann genug, der Frankfurter Dom oder St. Apostel in Köln liegen hinter ihm. St. Lamberti nennt er einen Standard-Turm. Vieles wird eben zur Routine, doch Sicherheit geht immer vor und die Nachhut von Sturm „Niklas“ hat’s immer noch in sich. Kurzum: „Das Gerüst steht fest, aber wir kommen ins Wanken.“

Die Zeiger der Uhr blieben auf 16.13 Uhr stehen

Etwa drei Wochen noch werden die Arbeiten am Gladbecker Dom dauern, dann ist die angestrebte Giebelspitzenhöhe von 48 Metern erreicht, sagt Architekt Schicktanz und blickt in die Höhe. Die Uhr dort oben - die Zeiger blieben auf 16.13 Uhr stehen – wird man dann nicht mehr sehen. Und auch die Glocken haben mit dem Schlagen längst aufgehört. Uhrwerk und Glockenmechanismus sind miteinander gekoppelt. Seitdem die wichtigen und mächtigen Quer- und Stabilisierungsstreben aus Stahl durch die Schallluken des Glockenturms in 28 Metern Höhe geschoben und verankert wurden, herrscht hier Stille.

Die schweren Querträger sind als Gerüststützen wichtig, so kann das Gerüst auf allen Seiten aufgesetzt werden ohne das rückwärtig abgehende Kirchendach zu belasten. Zudem müssen die Glocken schweigen, da sonst Vibrationen entstehen, durch die sich wiederum Schrauben lösen könnten. „Das wäre fatal, auch bekämen die Arbeiter hier oben sonst einen Hörsturz“, sagt Schicktanz, dessen Büro schon länger für die Katholische Kirche arbeitet, vom Ruhrbistum empfohlen wurde und für die Gemeinde Lamberti als Bauherrenvertreter u.a alle Gewerke koordiniert.

„Aufs Lambertigerüst gehen gewaltige Kräfte drauf“

Denn Gerüstbau ist eben nicht Gerüstbau. Einfach an die gerade Fassade dranknallen klappt hier nun mal gar nicht. „Aufs Lambertigerüst gehen gewaltige Kräfte drauf, zudem muss es wegen der zu drapierenden Vor- und Rücksprünge fein ausgerichtet werden.“

Es wird wohl August werden, bis sämtliche Sicherungsarbeiten erledigt sind, das Baugerüst verschwindet, Glocken und Uhr wie gewohnt funktionieren. Pastoralreferent Ludger Schollas scherzend: „Erst dann ist im wahrsten Sinne des Wortes wieder klar, was uns das Stündlein geschlagen hat.“

Liturgie findet trotz Umbau statt

Rund 400 000 Euro investieren Pfarrgemeinde St. Lamberti und Ruhrbistum Essen in die Instandsetzung des Gladbecker Wahrzeichens. Die Turmsanierung wurde nötig, da bei einer routinemäßigen Untersuchung Mängel an den Fugen im Mauerwerk des Turms festgestellt wurden.

Pastoralreferent Ludger Schollas stellt klar, dass es nicht um eine Verschönerung des Sakralbaus geht, sondern um eine Sicherungsmaßnahme „um Menschen nicht zu gefährden“. Das Besondere an der Baumaßnahme: Dank Zugang durchs Seitenportal und in Kürze auch durch einen Tunnel im Eingangsbereich können Gläubige die Kirche weiterhin besuchen. Schollas: „Die Liturgie findet in gewohntem Umfang statt.“ Die Baustelle wird von der Gemeinde akzeptiert, ist sich Schollas sicher, „doch viele bedauern, dass die Glocken nicht mehr schlagen, da das doch zum Stadtbild gehören würde“.

Nach Fertigstellung des Gerüsts wird das federführende Architektenbüro Niermann/Schicktanz sämtliche Schäden akribisch kartieren. Michael Schicktanz: „Wir gehen dann Fuge für Fuge und Steinlage für Steinlage durch.“ Zuständig für die Sanierung von Ziegeln, Fugen und Figuren ist die Steinmetzfirma Roland Berns aus Duisburg, ein erfahrener Spezialist für Kirchenbauten. Zum Schluss wird das Mauerwerk noch gesäubert. Schicktanz: „Es wird heller werden, und ich hoffe, dass wir in den nächsten 30 Jahren nicht mehr dran müssen.“