Als die Kriegsfront mitten durch die Stadt ging

Große Zerstörung: zerbombte Häuser an der damaligen Bismarckstraße, heute Friedenstraße.
Große Zerstörung: zerbombte Häuser an der damaligen Bismarckstraße, heute Friedenstraße.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Vor 70 Jahren stießen die Alliierten von Nordwesten auf Gladbeck zu. Es gab nur noch wenig Gegenwehr. Die Menschen harrten derweil in den Kellern aus.

Gladbeck..  Erste amerikanische und kanadische Stoßtrupps tauchten nach Kämpfen in Kirchhellen schon am Mittwoch, 28. März 1945, in Rentfort auf. Langsam und äußerst vorsichtig wagten sie sich bis zum Abend zu den Möllerschächten und bis nach Schultendorf vor.

Ein letztes Aufgebot des Volkssturmes sollte sie zuvor auf der Kirchhellener Straße bei Bauer Peuling aufhalten. Friedhelm Kubialka erinnert sich, dass sein Vater die letzten Kämpfer anführte, sie aber, als er die Ausweglosigkeit des Unternehmens sah, nach Hause schickte und selbst untertauchte. Die Amerikaner rückten dann zunächst ohne große Widerstände vor, wurden aber schließlich vom Bahnhof West her beschossen und gestoppt. Die GIs forderten Luftunterstützung an, und im Morgengrauen fielen noch einmal Bomben.

Die Front lag jetzt auf dem Stadtgebiet. Die „Windhunde“, eine Elitetruppe, leistete im Wäldchen zwischen Feldhausen, Zweckel und Scholven noch Widerstand und versuchte, die heranrückenden Shermanpanzer der 8. US-Division zu stoppen. Ein blutiger, aussichtsloser Kampf, die Amerikaner waren deutlich überlegen, heißt es in verschiedenen Quellen. Die amerikanischen und kanadischen Stoßtrupps stoppten am Abend ihren Vormarsch. Ununterbrochener Donner von über 300 schweren Geschützen begleitete diese ersten Vorstöße der Alliierten auf Gladbecker Gebiet.

Zeitzeugin Erna-Johanna Fiebig, damals 16 Jahre alt, berichtet, dass Tiefflieger an dem Tag die Gleisanlagen zwischen Bahnhof West und Talstraße unter Beschuss nahmen. „Die ganze Schultenstraße war ein einziger Trümmerhaufen“, erinnert sie sich. „Die Menschen hatten große Angst vor den Amerikanern, auch, weil man uns Angst vor ihnen gemacht hatte, doch man hoffte, dass sie bald kämen, damit Bomben und Beschuss endlich aufhörten.“

In der Innenstadt, so Zeitzeuge Heinz Ilaender (damals 16), herrschte nach den Tagen des Dauerbombardements eine gespenstische Stille. „Alle warteten gespannt, was passiert.“ Auch in Brauck saßen die Menschen in den Kellern und warteten. „Und hörten den Feindsender“, weiß Franz Dieter Krisch, damals elf Jahre alt, noch genau. „Wir wussten, wo die Front war.“ Er war an der Kösheide zu Hause. „Bei uns lagen die Kettenhunde, die Militärpolizei der Wehrmacht, die die zurückweichenden deutschen Soldaten immer wieder zurückdrängte. „Bergleute haben die fliehenden Wehrmachtsangehörigen aber in ihre Keller gelassen.“

Auch im Stollen der Moltkehalde an der Kösheide (die heutige brennende Halde), in der die Nachbarschaft Schutz suchte, wurden Wehrmachtssoldaten versteckt. Gertrud Kopka, damals 25 Jahre alt und an der Ottostraße zu Hause, hatte sich mit ihrer Mutter dorthin in Sicherheit gebracht, weil dort Verwandtschaft wohnte. Die ersten Nachbarn hängten weiße Laken raus. „Wir Kinder standen auf der Halde und hielten Ausschau, ob die Amerikaner kamen“, so Franz Krisch.