Abschied von großen Kirchenräumen in Gladbeck

Vor Ort machen die Kirchen den Gläubigen auch individuellere Angebote; zum Beispiel die Frauenmesse (Bild) der KFD in St. Lamberti.
Vor Ort machen die Kirchen den Gläubigen auch individuellere Angebote; zum Beispiel die Frauenmesse (Bild) der KFD in St. Lamberti.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Der Bedeutungswandel der Kirche steht im Fokus der Landeskirche und des Ruhrbistums. Wie sehen Propst Müller und Superintendent Chudaska das Thema?

Gladbeck..  Große zentrale Kirchenbauten wie St. Lamberti sind sicherlich nicht gefährdet. Die katholische Gemeinde muss aber damit rechnen, dass aus Kosten- und Auslastungsgründen im Stadtgebiet statt großer Kirchenbauten künftig kleinere Einrichtungen in Stadtteilen für die Gottesdienste genutzt werden. Ein Schrumpfprozess, den die evangelische Gemeinde bereits mit einigen schmerzhaften Kirchenschließungen abgeschlossen hat. Sich dem Bedeutungswandel der Kirche für viele Christen zu stellen, wie jetzt Präses Annette Kurschuss vorgibt und wie es auch das Ruhrbistum beim Zukunftsforum im Juni diskutieren will (WAZ berichtete), „ist schon lange für uns ein Thema“, sagen sowohl Propst André Müller wie auch Superintendent Dietmar Chudaska.

Herausforderungen annehmen

Auch die traditionellen Gottesdienstzeiten zu überdenken sei dabei schon im Fokus. Denn längst gebe es ja Alternativen zum frühen Sonntagsgottesdienst etwa an Samstagabenden oder während anderer Wochentage. Es gelte „die Herausforderung einer Gesellschaft anzunehmen, die immer unverbindlicher und individualistischer wird“, sagt der Superintendent. Der klassische Kirchgang am Sonntag gehöre dabei nicht mehr zum Wochenendalltag. Im Schnitt besuchen nur noch 3,5 der evangelischen und 10 Prozent der katholischen Christen in Gladbeck regelmäßig, zwei- bis dreimal pro Monat, Gottesdienste.

Propst Müller spricht gar von einem „epochalen Bruch der Kirche in der Gesellschaft“, der sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt habe. Auch er sieht die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft. Viele Familien würden die Kirche nur so nutzen, wie sie sie je nach Lebenssituation für sinnvoll finden, etwa für die Hochzeit, die Taufe oder die Kommunion.

Es gelte zu akzeptieren, dass die Kirche auf lange Sicht keine Monopolstellung mehr in Sachen Sinnstiftung und Sinndeutung für das Leben der Gläubigen habe. Die würden sich dazu vielfältig außerkirchlich orientieren, über Bücher, darunter esoterische Lebenshilfen, oder allgemein über das Internet.

Für ihn sei aber kein Grund zum Pessimismus, sagt André Müller: „Ich habe sogar Freude an diesem Wandel, der belegt, dass wir heute in einer Gesellschaft mit vielen Wahlmöglichkeiten leben.“ Wichtig sei es dabei nur, den Christen erkennbar zu machen, für welche Glaubensgrundwerte und welchen Geist die Kirche stehe, „und die spirituelle Kraft erlebbar zu machen“, die daraus geschöpft werden könne.

Mut haben, Neues auszuprobieren

Dietmar Chudaska befürwortet, die Kirche attraktiver aufzustellen und auch Mut zu haben, „viel mehr neue Dinge auszuprobieren“, wie zum Beispiel die speziell eingerichtete Jugendkirche in Bottrop. Zugleich warnt der Superintendent aber davor, „dass die Kirche nicht nur zur Unterhaltung da ist, sondern den klaren Auftrag hat, das Evangelium zu verkünden“.

Worauf es ankomme sei, „dass es gelingt die christliche Botschaft so zu transportieren, dass die Menschen froh darüber sind, zu einer christlichen Gemeinde zu gehören“. Er sehe es als problematisch an, „wenn Menschen sagen, ich kann auch ohne Kirche glauben“. Denn es sei zu beobachten, „wenn kein Rahmen da ist, der Halt bietet, verflüchtigt sich oft auch schnell der Glaube“.