14 Chemiepipelines führen über Gladbecker Stadtgebiet

Methanol-Leck in Ellinghorst: Gutachter untersuchten, inwieweit der Untergrund durch die 10 000 Liter ausgelaufener Chemikalie verseucht wurde.
Methanol-Leck in Ellinghorst: Gutachter untersuchten, inwieweit der Untergrund durch die 10 000 Liter ausgelaufener Chemikalie verseucht wurde.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
WAZ-Recherche nach der Sabotage an der Fernleitung in Ellinghorst ergab: Weitere entzündliche und giftige Stoffe werden durchs Stadtgebiet gepumpt.

Gladbeck.. Auf den ersten Blick mag es aussehen, als hätte ein Grundschüler auf der Gladbecker Stadtkarte sein neues Lineal mit einem roten Farbstift ausprobiert. Das Strichwerk hat aber einen ernsten Hintergrund. Es dokumentiert – aus Sicherheitsgründen ohne genauen Verlauf – dass allein 14 Pipelines teils mitten durch das Stadtgebiet führen, die unterschiedlichste Chemikalien ober- und unterirdisch transportieren.

Darunter befinden sich hochentzündliche, explosionsgefährliche, giftige, gesundheits- und umweltgefährliche flüssige oder gasförmige Stoffe. Zum Beispiel Propylen, Methanol, Cumol, Cyclohexan, Ethylen und Propylen. Auch Diesel und Benzin oder Heiz- und Rohöl werden über Gladbecker Gebiet transportiert. Die Pipelines verlaufen überwiegend im Bereich von Gleisanlagen, auch entlang alter Zechenbahnen oder Werkstrassen.

Ausgangs- oder Verteilpunkte der Pipelines sind die bekannten Petrochemischen Produktionsorte der Region wie der Chemiepark in Marl, Ineos Phenol in Zweckel, BP Ruhröl in Scholven und Horst sowie die Vertriebshäfen am Kanal in Gelsenkirchen und Bottrop.

10 000 Liter Methanol ausgelaufen

Die am vergangenen Wochenende in Ellinghorst von unbekannten Tätern angesägte Methanolleitung offenbarte die mögliche Gefahr, die von oberirdischen Leitungen ausgeht – die teils auch in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten, Kindergarten oder Schulen verlaufen.

Rund 10 000 Liter hochentzündliches und giftiges Methanol konnten auslaufen, bevor ein Spaziergänger am Sonntagmorgen das Leck entdeckte. „Für solche Schadensfälle sind die Petrochemischen Unternehmen im Rahmen der rechtlichen Vorgaben verpflichtet, einen Gefahrenabwehrplan zu erstellen und den zuständigen Behörden vorzulegen“, erklärt Klaus Kruse vom Fachbereich Bevölkerungsschutz des Kreises Recklinghausen. Genaue Pläne, auch für die örtlichen Feuerwehren, die dokumentieren, „was wo in den Pipelines transportiert wird“. Absolute Profis seien bei der Schadensbekämpfung die Werksfeuerwehren, die von den örtlichen Kräften unterstützt würden.

„Schadensfälle am Pipelinenetz sind äußerst selten“, beruhigt der Gefahrenabwehrexperte des Kreises. In den 1990er Jahren sei mal zwischen Marl und Scholven durch Bergsenkungen eine Leitung gebrochen. Kostspieliger für die Unternehmen, aber für die Bevölkerung generell sicherer wäre es, „wenn die Pipelines alle in der Erde verlegt würden“, sagt Krause, „denn dann werden Manipulationen deutlich schwieriger.“

Bezirksregierung will wissen, warum Warnsystem versagte

Die Bezirksregierung in Münster ist für die Genehmigung von Rohrleitungen der Petrochemie in unserer Region zuständig. „Die Genehmigung wird nach erfolgreichem Zulassungsverfahren jeweils für 30 Jahre erteilt“, erklärt Pressesprecherin Sigrun Rittrich.

Die Rohrleitungen müssen alle zwei Jahre eine Generaluntersuchung durchlaufen. Dazu gehöre „die Funktions- und Sicherheitsprüfung, Explosionsschutzprüfung, Elektronikprüfung, Festigkeitsprüfung, äußere und innere sowie Druck- und Temperaturprüfung“. Die Pipelines stünden aktuell stark im Fokus, seien aber „ein sehr sicheres Transportmittel“, so Rittrich. In den verganagenen 60 Jahren habe sich im Bereich der Bezirksregierung kein Todesfall im Zusammenhang mit einer Pipeline ereignet.

Ein automatisches Frühwarnsystem, in Form eines Leck-Erkennungs- und Ortungssystems, solle dafür sorgen, dass Leitungsschäden umgehend auffallen. Warum das Überwachungssystem im Falle der Methanolleitung nicht angesprungen sei, „darauf erwartet die Bezirksregierung eine detaillierte Antwort von BP Ruhr Öl“