Mehr Gestalter als Verwalter
16.02.2010 | 19:33 Uhr 2010-02-16T19:33:00+0100
Gevelsberg. Es ist sicher nicht übertrieben, vom Ende einer Ära zu sprechen – auch wenn Hans-Christian Schäfer immer „nur” der zweite Mann in der Gevelsberger Stadtverwaltung war. Doch prägte er als Erster Beigeordneter 24 Jahre lang – drei Amtszeiten – die Entwicklung der Stadt maßgeblich mit.
Zum Ende des Monats geht Schäfer nun in den Ruhestand. „Ich bin seit einigen Tagen schon in Abschiedsstimmung”, meint der 61-Jährige. Zu vielen Gelegenheiten hat er zuletzt bereits einer Reihe von Menschen „Auf Wiedersehen” gesagt, denen er in den vergangenen Jahren immer wieder begegnet war, mit denen er zusammengearbeitet und für die er sich eingesetzt hat. Eine offizielle Abschiedsfeier für Hans-Christian Schäfer wird am morgigen Donnerstagabend stattfinden.
Von allen Seiten wird dem Ersten Beigeordneten höchster Respekt entgegengebracht – von seinen Mitarbeitern, Vertretern aus Firmen und Insitutionen, mit denen er zusammenarbeitete, und nicht zuletzt von Seiten der Politik. Die im Laufe der Jahre gewachsene Wertschätzung lässt sich an einer einfachen Skala ablesen: Als Schäfer sich für die Wahlbeamten-Stelle als Erster Beigeordneter dem Rat der Stadt zur Wahl stellte, erhielt er zwei Drittel der Stimmen (SPD und DKP stimmten für ihn, die CDU hatte Rainer Diemel favorisiert). Schon bei seiner Wiederwahl acht Jahre später waren nur noch einige Enthaltungen zu verzeichnen. Und 2002, bei seiner letzten Wahl, stand der Rat geschlossen hinter Hans-Christian Schäfer.
Juristische Ausbildung war das Handwerkszeug
Bevor er nach Gevelsberg kam, hatte der gebürtige Detmolder, der in Horn-Bad Meinberg aufwuchs, nach der Mittleren Reife eine Verwaltungslaufbahn eingeschlagen, die er zunächst zugunsten des Abiturs auf dem zweiten Bildungsweg und eines Jura-Studiums in Bochum unterbrach. Nachdem er im Februar 1982 schließlich das zweite Staatsexamen erfolgreich abgelegt hatte, trat er die Stelle als Leiter des Ordnungs- und Rechtsamtes der Stadt Haan an. „Ich habe schon damals Wert darauf gelegt, dass man nicht nur Akten bearbeitet und verwaltet, sondern das Gestaltungselement in der Kommunalverwaltung sieht”, so Schäfer. „Die juristische Ausbildung war das Handwerkszeug.”
Nach knapp vier Jahren in Haan suchte er dann eine neue Herausforderung. Unter anderem in Wetter und Schwerte bewarb Hans-Christian Schäfer sich – und auch in Gevelsberg, wo ein Erster Beigeordneter gesucht wurde. „Das war sehr interessant, weil auch der Bereich der Wirtschaftsförderung dabei war”, so Schäfer.
Die allseitige Wertschätzung hat sich der Volljurist durch seine konzeptionelle Arbeit erworben. „Nicht verwalten, sondern gestalten”, habe sein Credo immer gelautet, sagt Schäfer, der zunächst als Dezernent für die Bereiche Jugend und Soziales sowie Wirtschaftsförderung verantwortlich war. So entstand in seiner Amtszeit der Kinder- und Jugendhilfeplan, der die Angebotspalette der Stadt in diesem Bereich zusammenstellte. Von dieser konzeptionellen Grundlage profitiert die Stadt heute in besonderem Maße, beispielsweise bei der Bedarfsplanung für Kindertagesstättenplätze.
„Die Kinder- und Jugendarbeit war in Gevelsberg aber schon vor meiner Zeit vorbildlich”, betont Schäfer, der auf die gute Zusammenarbeit im Rathaus hinweist. „Wir haben das Glück, dass wir in Gevelsberg sehr gute Mitarbeiter haben.” Und auch die Zusammenarbeit mit Stadtdirektor Volker Stein und später den hauptamtlichen Bürgermeistern Dr. Klaus Solmecke und Claus Jacobi lobt er als hervorragend. „Das kann man bei der Außendarstellung ablesen: Wir sind ein Team”, sagt er. „Nach außen tritt die Stadt als Einheit auf. Diesen Ruf haben wir uns erarbeitet und den gilt es zu verteidigen.”
Fast hätte er das Team jedoch verlassen. Er kandidierte für die Schwelmer SPD als Bürgermeister, zog aber vor der Wahl wegen grundlegender inhaltlicher Differenzen mit den Genossen zurück. Dass er in Gevelsberg geblieben sei, habe er nie bereut. „Das Arbeitsklima ist toll.”
»Ich lege Wert darauf, künftig mehr Freizeit zu haben«
Im Bereich Soziales nennt Schäfer als besondere Herausforderung die Unterbringung der Asylbewerber in den 90er Jahren und die Mammutaufgabe, mit der Stadt Sprockhövel eine Regionalstelle der Jobagentur EN zu gründen. „Das war wie der Aufbau einer kleinen Behörde”, so Schäfer.
Auch bei der Wirtschaftsförderung sind die Entwicklungen der vergangenen fast zweieinhalb Jahrzehnte untrennbar mit der Person des Ersten Beigeordneten verbunden. Das Konzept, in der flächenkleinen Stadt Gevelsberg Kleinstbetriebe anzusiedeln, die sich dann weiterentwicklen können, trägt seine Handschrift. Die Entwicklung der Gewerbegebiete In den Weiden, Wiensiepen, Silschede-Süd und Im Winkel brachte er maßgeblich voran.
Die am deutlichsten sichtbaren Spuren hat Schäfers Wirken im Stadtbild hinterlassen. Nach dem Ausscheiden des Technischen Beigeordneten Gerd Henschen aus der Verwaltung übernahm Schäfer auch das Baudezernat. Nicht zuletzt der Umbau der Mittelstraße und der Beginn der Arbeiten am Ennepebogen fielen in seine Amtszeit, ebenso die Neugestaltung des Haufer Bahnhofes und der gerade laufende Umbau der Alten Brennerei Saure „Wir haben dafür rund 5 Millionen Euro an Fördergeldern eingeworben”, sagt Schäfer. „Für mich ist es eine innere Genugtuung, dass wir das rechtzeitig gemacht haben.”
Das einzige, das bei Hans-Christian Schäfer für eine Abschiedsträne sorgt, ist, dass er die Fertigstellung des Ennepestrandes nicht mehr im Amt erleben wird. Eigentlich hatte er diesen in Badehose in Betrieb nehmen wollen.
Das kann er als Ruheständler natürlich dennoch tun. Wobei seine Zukunftspläne keinen Ruhestand erkennen lassen. „Ich will noch ein bisschen arbeiten”, kündigt er an. So wird er an zwei Tagen pro Woche für die Anwaltskanzlei Hansen-Strauß-Schönlau tätig. „Aber ich lege auch Wert darauf, wesentlich mehr Freizeit zu haben”, sagt Schäfer, der an der Bruchmühle wohnt „und natürlich dort auch wohnen bleiben” wird. So stehen gemeinsam mit Ehefrau Ingrid, mit der er die erwachsenen Kinder Tim-Thorsten und Anna-Alina hat, Besuche von Veranstaltungen im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 auf dem Plan. Das Fahrradfahren und Schwimmen möchte er intensivieren und die Reise in die Toskana ist für den Mai bereits gebucht.
Auch wenn Hans-Christian Schäfer wohl auch künftig keine Langeweile verspüren wird, dürfte ihm der Abschied aus der Verantwortung für die Geschicke der Stadt schwer fallen. Er darf sich gewiss sein: Der Stadt wird der Abschied noch schwerer fallen.
INFO
Der „letzte Erste”
- Wenn Hans-Christian Schäfer zum 1. März in den Ruhestand geht, dann nimmt er sein Amt gleich mit.
- Künftig wird es – bis auf Weiteres – an der Spitze der Stadtverwaltung keinen Ersten Beigeordneten mehr geben. Das hatte der Rat der Stadt vor drei Jahren beschlossen. Seitdem hatte Schäfers Posten einen Vermerk „kw” getragen – „künftig wegfallend”.
- Die Verantwortlichkeiten des Ersten Beigeordneten werden auf die Leiter der Fachbereiche Zentraler Service, Bürger- und Ordnungsdienste, Bildung, Jugend und Soziales, Stadtentwicklung, Umwelt und Wirtschaftsförderung, Technische Betriebe sowie den Bürgermeister verteilt.
- Mit Rainer Rützenhoff (Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung, Umwelt und Wirtschaftsförderung) sowie Gerd Placzek (Leiter des Fachbereichs Bildung, Jugend und Soziales) waren in den vergangenen eineinhalb Jahren bereits zwei profilierte Köpfe der Stadtverwaltung in den Ruhestand gegangen.
- Die Verantwortung für die Fachbereiche tragen derzeit Wolf-Rüdiger Blum (Stadtentwicklung, Umwelt, Wirtschaftsförderung) und Bürgermeister Claus Jacobi (Bildung, Jugend, Soziales) kommissarisch. Die Besetzung der Stellen steht in Kürze an.
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