"Man fühlte sich damals wie ein Außenseiter"
20.06.2007 | 09:21 Uhr 2007-06-20T09:21:00+0200Julia Kohnke, Julian Barann und Rocco Borgia sind seit dem 5. Schuljahr Schüler der Hauptschule West. Sie verlassen die Schule mit dem besten Abschluss, den die Hauptschule zu vergeben hat: dem Mittleren Schulabschluss mit Qualifikation zur gymnasialen Ob
Gevelsberg. Ihr Notendurchschnitt liegt zwischen 1,7 und 2,3. Der Anfang an der Hauptschule war für sie nicht so leicht: 80 Prozent ihrer damaligen Mitschüler wechselten aufs Gymnasium. "Man fühlte sich damals wie ein Außenseiter", sagt Julia.
Julian bestätigt, dass er sich anfangs geschämt hat zu sagen, dass er ein Schüler der Hauptschule West sei. "Statt Hauptschule West habe ich immer HS West gesagt ...". Wenn man neue Leute kennen gelernt hat, "verzogen die sofort das Gesicht, wenn sie gehört haben, dass ich von der Hauptschule komme", berichtet Julia.
Julians und Roccos Erfolgskarriere begannen im 7. Schuljahr. "Seit dem sind wir Klassenbeste, die Urkunden, die ich zu den Zeugnissen überreicht bekam, haben mich motiviert. Sie kommen mit in meine Bewerbungsmappe", so Julian.
Als "Spätzünder" bezeichnet Julia sich. "Ich bin erst im 8. Schuljahr in die E-Kurse gekommen". Alle drei berichten von ihrer Zeit im 5. Schuljahr: Rocco hatte bereits Geschwister hier: "Meine Klassenlehrerin war auch die Lehrerin von meinen Geschwistern. Und die hat gesagt, dass ich genauso werde". Eine mutige Prognose, so Schulleiterin Ruth Dahlhaus, "ist aber in einem Familienbetrieb wie der Hauptschule erlaubt, schließlich kennt hier jeder jeden." Julian hatte nach seinen Aussagen das Potential zum Gymnasium, aber es fehlte ihm die nötige Arbeitshaltung. "Damals hat mein Cousin im 5. Schuljahr mich ausgelacht, weil ich auf die Hauptschule ging. Er selber besuchte das Gymnasium. Mittlerweile ist er auf der Realschule und bleibt da wahrscheinlich sitzten. Heute könnte ich lachen: Er bleibt sitzen und ich mache Abi."
Auch die Besten werden gefördert
Hätten sie den gleichen Erfolg auch auf der Gesamtschule gehabt: Julian nennt gleich drei Gründe, die für die Hauptschule West sprechen:
1. Die Förderung an dieser Schule habe ihm geholfen. Es seien nicht nur die Schlechten, sondern auch die besonders Guten gefördert worden.
2. Der Freundeskreis habe ihn motiviert. Es war eine gewisse Gruppendynamik da, wir haben uns gegenseitig geholfen. 3. Er wurde ehrgeizig, weil die Schüler sich gegenseitig angespornt haben."
Im Nachhinein vergessen alle drei Schüler ihren anfänglichen Scham und sagen: "Ich war Hauptschüler." Julia betont, dass sie zeigen will, dass Hauptschüler auch was können; und Julian ist sich sicher, dass zukünftige Personalleiter sehen werden, dass er sich ins Zeug gelegt hat. Gemeinsam mit ihren Freunden, die mit ihnen zur Zeit die 10 B besuchen, werden sie nach den Sommerferien die Gesamtschule in Haßlinghausen besuchen, um dort ihr nächstes Ziel anzusteuern: das Abitur. Was heute vielleicht wie das glückliche Ende eines Märchens aussieht, ist aber kein Zufallsprodukt. Julia hat klare Angaben, was ein Hauptschüler zeigen muss: Leistung.
Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch mit den drei besten Schülern führte Schulleiterin Ruth Dahlhaus
0mitdiskutieren