Beschwingte Reise auf sechs Saiten
05.04.2009 | 21:07 Uhr 2009-04-05T21:07:00+0200
Gevelsberg. Mit einer atemberaubenden Reise durch die Welt der Gitarrenmusik wurde am Samstagabend, 4. April, das 9. Gevelsberger Gitarrenfestival eröffnet. Die Akteure führten in der „Crazy Guitar Night III” das begeisterte Publikum in der Erlöserkirche quer durch Kontinente, Epochen und Stilrichtungen.
Als die letzten Töne des „Joscho Stephan Quartetts” verhallt waren, blickte man bei vielen der rund 200 Zuhörer in glänzende Augen und sah manchen offen stehenden Mund. Mit unglaublichem Schwung schwang Stephan sich zu mitreißenden Soli auf, wohl behütet im wärmenden Rhythmusbett, das ihm sein Vater Günther (Rhythmusgitarre) und Max Schaaf (Kontrabass) bereiteten. Und Sebastian Reimann an der Violine setzte eindringliche Akzente.
Auf den Spuren des legendären Django Reinhardt und dessen „Gipsy Swing”, dem Joscho Stephan auch die „Ballade pour Django” widmete, ließ er die Atmosphäre der Pariser Jazzclubs der 30er-Jahre aufkommen, angereichert um eine ganz eigene Note. Da wirkte ein Song wie „You are so beautiful”, als sei er eigens für die Band komponiert worden.
Atmosphäre des Paris der 30er Jahre
Stücke von Django Reinhardt selbst, dem argentinischen Swing-Gitarristen Oscar Aleman oder „Smoke gets in your eyes” – alles wirkte wie aus einem Guss. Die Band spielte nicht, sie war Musik. Die Virtuosität, die Dynamik die Spielfreude, die Stephan, aber auch seine Mitmusiker an die Frühlingsnacht legten, forderte ständig Szenenapplaus heraus. Kein Wunder, dass Stephan als einer der besten Jazzgitarristen der Welt gilt.
Kaum größer hätte der Kontrast zwischen Stephans Auftritt und dem zuvor spielenden Russell Poyner sein können. Der junge Engländer entführte die Zuhörer ins elisabethanische Zeitalter. Stücke seines Landsmanns John Dowland (1563-1626) hatte Poyner sich ausgesucht. Nicht nur an der Gitarre erwies er sich dabei als Meister, sondern auch mit seiner vollklingenden Stimme. Wunderschön trug er Lieder wie „Come heavy sleep” (ein todessehnsüchtiges und dennoch tröstliches Lied) vor. Poyner gelang es, den Geist der Musik am Hofe Elisabeths herüberwehen zu lassen – und klar zu machen, wie wenig Sting, dem das große Verdienst gebührt, Dowland wieder populär gemacht zu haben, eigentlich singen kann. Seine launigen Ansagen („Es geht in diesem Stück um Liebeskummer”, erklärte er – zu fast jedem Lied) machten den Auftritt zu einer äußerst unterhaltsamen Angelegenheit.
Frische spanische Brise zum Auftakt
Zur Eröffnung hatte ein frische spanische Brise durch die Erlöserkirche geweht. Das „Duo Joncol” – die Deutsche Britta Schmitt und der Katalane Carles Guisado – ließen Romantisches von Manuel de Falla, Enric Granados und Feliu Gasull luftig-leicht erklingen, zogen dann weiter nach Brasilien. Bei Paulo Bellinis „Jongo” zeigten beide, dass an einer Gitarre nicht nur die Saiten tönen. Auch die kurze Zugabe „Agua i vinho” von Egberto Gismonti beeindruckte.
Etwas unter ging der Auftritt des Bremer Meistergitarristen Jens Wagner – was nicht an seinem Spiel lag, im Gegenteil: Er lotete die klanglichen und rhythmischen Möglichkeiten seiner Gitarre aus, brachte auch einmal einen stampfenden Blues. Die Stücke des Zeitgenossen John McLaughlin waren einfach insgesamt weniger gefällig als das, was am Samstagabend von den anderen Künstlern zu hören war.
Der Schlussakkord gebührt Joscho Stephan: Mit seinem Auftritt machte er deutlich, was „Swing” bedeutet – derart beschwingt verließen die Besucher die Erlöserkirche.
Fritz Pleitgen zu Gast
Einen Überraschungsgast lockte der Auftakt des 9. Gevelsberger Gitarrenfestivals an die Ennepe. Dr. Fritz Pleitgen, Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH, folgte einer Einladung von Bürgermeister Claus Jacobi.
Das Gitarrenfestival, das im kommenden Jahr zum zehnten Mal stattfinden wird, soll in das Programm von „Ruhr 2010” aufgenommen werden.
„Das passt wunderbar, dass sie im kommenden Jahr Geburtstag feiern, wenn wir Kulturhauptstadt Europas sind”, sagte Pleitgen in seinem Grußwort. Das Festival solle in die Woche der „Local Heros” eingebunden werden. Somit sei die Stadt eine Woche lang selbst „Kulturhauptstadt Europas.
Genauso leidenschaftliche, wie anschließend die Musiker auftraten, warb der ehemalige Intendant des WDR für „Ruhr 2010” („Wenn Sie einem Journalisten ein Mikrofon geben, gibt er es so schnell nicht wieder ab”). 53 Kommunen beteiligen sich an dem Programm.
Bei seiner Abreise versprach Pleitgen, dass er im kommenden Jahr wiederkommen werde – dann mit seiner Frau.
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