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Wie eine Ärztin kranke Obdachlose in Gelsenkirchen behandelt

04.06.2012 | 17:28 Uhr
Wie eine Ärztin kranke Obdachlose in Gelsenkirchen behandelt
Dr. Maria Behling (56) ist seit Anfang 2000 für den Verein Arzt Mobil tätig. Täglich fährt sie mit dem umgebauten Lieferwagen Einrichtungen an.Foto: Martin Möller

Gelsenkirchen.  Dr. Maria Behling (56) ist die erste Adresse für kranke Obdachlose. Die mobile Ärztin fährt Gelsenkirchener Einrichtungen an und kümmert sich um Wohnungslose und Süchtige. Das Besondere: Im Gegensatz zu den meisten anderen Ärzten hat sie noch Zeit für ihre Patienten.

Auf dem Logo von Arzt Mobil sind zwei stilisierte Figuren zu sehen, die sich aufeinander zu bewegen. Eine der beiden Figuren ist Dr. Maria Behling (56). Vier Mal in der Woche fährt sie mit dem gelben Lieferwagen-Umbau feste Plätze in der Stadt an. Und zu diesen Stellen kommen wohnungslose und suchtmittelabhängige Menschen, die medizinische Hilfe suchen. Sie stehen für die zweite Figur im Logo.

Meistens kommen Maria Behlings Patienten mit akuten Verletzungen, die oft Folgen von Suchterkrankungen sind. Stürze sind dabei, Kreislauferkrankungen, akute und chronische Atemwegserkrankungen. Hauptaufgaben der Ärztin sind das Anlegen von Verbänden und die Versorgung von Wunden. „Teilweise warten die Patienten auch zwei oder drei Tage mit Knochenbrüchen, weil sie sich nicht in die Sprechstunde trauen“, sagt die Medizinerin.

70 Prozent sind suchtkrank

Außer einer Basis-Diagnostik und der Überweisung des Patienten in die Chirurgie könne sie dann nichts machen. Enorm wichtig sei es, an die Kranken zu appellieren, sich anderswo weiter behandeln zu lassen.

„70 Prozent sind suchtkrank. Davon sind zwei Drittel dem Alkohol verfallen, ein Drittel harten Drogen, meistens Heroin. Viele sind auch im Methadonprogramm“, sagt die Medizinerin. Heroinsüchtige hätten auch oftmals Hautprobleme: Zum Beispiel Abszesse, bakterielle Erkrankungen. „Die Körperhygiene ist nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt. Früher gab es öfter parasitäre Erkrankungen. Das ist bei unseren Patienten nicht der Fall, weil es in den Anlaufstellen sanitäre Einrichtungen für sie gibt.“

Der Verein Arzt Mobil wurde Mitte 1998 von der kassenärztlichen Vereinigung, der Ärztekammer, der Caritas, der Diakonie und der Stadt Gelsenkirchen gegründet. Maria Behling ist seit Anfang 2000 dabei und hat für ihr Engagement in diesem Jahr den CDU-Bürgerpreis verliehen bekommen. Im letzten Jahr hat sie 150 Patienten behandelt, insgesamt gab es 500 Kontakte. „Manchmal kommen zwei Patienten, manchmal sechs“, beschreibt die Ärztin das Aufkommen.

Eine Praxisgebühr müssen die Menschen bei ihr nicht bezahlen. Krankenversichert, so die Medizinerin, seien jedoch die meisten. Für Medikamente wie Antibiotika, Magen-Darm-Mittel, Salben etc. hat sie einen bestimmten Etat zur Verfügung.

Drei Sprechstunden mit dem Mobil

Montags und freitags macht sie Halt am Wilhelm-Sternemann-Haus an der Husemannstraße in der Altstadt. Dienstags steuert sie das Weiße Haus an der Hochstraße in Buer an, Donnerstags steht das Regenbogenhaus auf dem Schollbruch in Horst auf dem Fahrplan. „Der Plan hat sich bei der Klientel durchgesetzt. Sie wissen, wann ich wo bin“, sagt Maria Behling. Aber Arzt Mobil hat auch einen „festen Wohnsitz“. Von montags bis freitags bietet der Verein Sprechstunden an der Niederlassung Caubstraße in Schalke-Nord an. Direkt daneben befindet sich ein Männerübernachtungsheim.

Drogentherapeutische Ambulanz, Streetwork

Dr. Maria Behling ist nicht allein. Neben ihr sitzen fünf Sozialarbeiterinnen im Arzt Mobil. Zwei Mitarbeiterinnen übernehmen an der Caubstraße die psychosoziale Beratung und in Arztpraxen die Begleitung des Methadonprogramms.

Zwei Streetworkerinnen fahren Orte an, an denen sich das Klientel aufhält (z.B. Hauptbahnhof, Busbahnhof, Innenstädte) und bieten unbürokratische, niedrigschwellige Hilfe. Eine andere Kollegin bereitet aktuell ein Projekt vor, dass eine Beratungsstelle für harte Drogen vorsieht. www.arztmobil-gelsenkirchen.de

„Das Bild der Wohnungslosigkeit hat sich in Gelsenkirchen geändert“, bewertet Maria Behling ihre Beobachtungen in den letzten Jahren. Die Vermittlung von Wohnungen für Obdachlose sei leichter geworden. „Mein Team und ich kennen nur zehn Menschen, die wirklich kein Dach über dem Kopf haben.“ Allerdings, stellt die 56-Jährige klar, komme auch nicht jeder kranke Obdachlose zu ihr in Behandlung. Oft führe sie aber auch einfach nur Gespräche mit den Leuten, um den so wichtigen Kontakt und das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ärzten, so Behling, kann sie sich noch Zeit für ihre Patienten nehmen.

Tobias Mühlenschulte



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